Meine Meinung

Wo sind die alten Wanderwege?

Vieles wurde gewonnen, aber vieles, was uns Ostdeutschen vertraut war, ging nach 1989 auch verloren. Zum Beispiel Eisenbahnstrecken, Schulen, Schwimmbäder, bunte Bergwiesen, Kneipen und anderes. nnz-Kolumnist Bodo Schwarzberg beschreibt einem weiteren Verlust. – Wanderwege.

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Ein Wanderwegweiser ohne Wanderweg am ehemaligen Weg von Stempeda zur Iberg-Talsperre. (Foto: B. Schwarzberg)

Im Stadt- und Kreisgebiet Nordhausen aktive Wanderer müssen in Zeiten zunehmender Extremwetterereignisse nicht nur mit dem Verlust zahlreicher wetterfester Wanderschutzhütten zurechtkommen. Leider ist auch so mancher alte Wanderweg nicht mehr das, was er einst war.

Natürlich gibt es noch tolle Wanderwege im Gebiet, allen voran der Karstwanderweg, aber immer häufiger leidet das Wandervergnügen, entweder, weil Wege zuwachsen, weil sie zerfahren sind oder weil sie schlichtweg nicht mehr existieren.

Der erste Schritt dazu ist manchmal eine miserable Wegmarkierung, irgendwann stürzen Bäume auf den Weg, die nicht beräumt werden, so dass es potentiellen Wanderern schwer gemacht wird, diesen Weg zu benutzen. Wege die nicht benutzt oder nicht gepflegt werden, wachsen zu. Der eine oder andere Mitbürger mag solche Veränderungen bemerken, aber über die Jahre hinweg geraten die Wege allmählich doch in Vergessenheit. Und was man vergessen hat und dann vielleicht noch nicht mal mehr vorhanden ist, das fällt kaum noch jemandem auf.

Dieses Phänomen beobachte ich immer wieder auch beim Umgang der Behörden mit den Vorkommen bedrohter Pflanzenarten. Shifting Baseline, lautet der psychologische Begriff, will sagen: Man gewöhnt sich an Verluste von Artvorkommen oder auch von Wegen und legt die Anspruchslatte einfach ganz bequem etwas tiefer. Bestimmte Dinge, schleichende Verluste, die sehr gern vergessen werden, nicht hinzunehmen, und stattdessen immer wieder in die Öffentlichkeit zu bringen, dem dient auch diese Kolumne.

Was die Wanderwege angeht, so nehme ich mir vor, vor einigen Jahren noch vorhandene Wanderwege hier in der nnz, inklusive ihres Verlaufes, ihres Niederganges und ihres heutigen Zustandes zu benennen, damit sie nicht vergessen werden. Hierzu können Sie mir gern, werte Leserinnen und Leser, Informationen zukommen lassen. Kennen Sie Wege, die nicht mehr oder fast nicht mehr vorhanden sind? Meine Mailadresse steht unter diesem Beitrag.

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Das längst umgestürzte Zaunelement mit dem die Wegsperrung verkündenden Hinweis der Stadtverwaltung Nordhausen. (Foto: B. Schwarzberg)

Nun aber konkret mit einem Beispiel: Auf dem amtlichen Messtischblatt 4431 des Thüringer Landesvermessungsamtes gab es zwischen Stempeda und der Iberg-Talsperre einen Wanderweg. Dieser ist beispielsweise auch auf dem Kartenblatt 2 zur Harzer Wandernadel eingezeichnet. Zu DDR-Zeiten hatte dieser Weg als Markierung einen gelben Strich, was ihn als lokalen Wanderweg auswies. Mit dieser Markierung ist er auch heute noch auf der Karte zur Harzer Wandernadel versehen.

Er führte, ausgehend von Stempeda, landschaftlich sehr reizvoll, entlang des Nordrandes vom Alten Stolberg und inmitten dichter, an Schwarzerlen-reicher Gehölze parallel zum Krebsbach bachaufwärts. Dabei konnte der Wanderer linkerhand natürliche Gipsfelsen bestaunen, die allerdings in den vergangenen Jahren infolge besonders großer Wetterextreme, noch instabiler wurden, als sie es wohl je waren. Felsstürze haben zu teils großen Geröllfeldern am Hangfuß geführt.

Während der Lauf des Krebsbachs ca. 600 Meter nordwestlich von Stempeda den Hangfuß des Alten Stolbergs verlässt und sich zwischen den Gipsbergen und der Landstraße Buchholz-Stempeda über Wiesen und Felder schlängelt, folgte der Wanderweg streng dem bewaldeten Nordrand des Alten Stolbergs. Als breiter Wiesenweg erreichte er, rund 2,5 Kilometer nordwestlich von Stempeda, schließlich den Südostrand der Iberg-Talsperre. Von dort kann man, und das geht sogar heute noch, auf einem Feld- und Waldweg weitere rund zwei Kilometer bis zur Straße Steigerthal-Buchholz wandern. Nach einem weiteren Kilometer erreicht der Wanderer Steigerthal.

Der Niedergang des Wegabschnitts von Stempeda zur Iberg-Talsperre begann vor etwa zehn Jahren mit der Sperrung der ca. 600 m langen Passage entlang des Krebsbaches ab Stempeda wegen der Gefahr des oben erwähnten Steinschlags. Die Stadtverwaltung Nordhausen stellte ein Metallgitterzaunelement mit einem entsprechenden Hinweisschild auf den Weg. Das Zaunelement mit dem Schild ist längst umgefallen und wird allmählich vom Grün überwuchert.

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Blick "auf den Weg" vom Südostrand der Iberg-Talsperre in Richtung Stempeda. (Foto: B. Schwarzberg)

Dabei hatte man bereits zehntausende Euro in die Infrastruktur des Wegabschnitts investiert: Stabile Metallstege und Brückchen über den Krebsbach, Bänke und Sitzgruppen. – Obwohl die Gefahr durch Steinschlag natürlich, wenn auch etwas weniger, auch schon früher bestand.

Durch die Sperrung wurde der Weg unterbrochen. Die Zahl der Wanderer in Richtung Iberg-Talsperre und Steigerthal dürfte damit deutlich gesunken sein. Als dann ab etwa 2018, dürrebedingt immer mehr Bäume auf den folgenden Wegabschnitt stürzten, fiel odas kaum noch jemandem auf. Nicht alle Gehölzreste wurden weggeräumt, so dass ein weiterer Abschnitt des Weges zunehmend unpassierbar wurde. Auf dem letzten Kilometer vor der Iberg-Talsperre ist kein Weg mehr zu erkennen. Er hat sich in der Wiese förmlich aufgelöst.

Dass die Stadtverwaltung keinerlei Interesse gehabt zu haben schien, einen alternativen Wegverlauf anzubieten, dürfte dem Niedergang des Weges Stempeda-Iberg-Talsperre weiteren Vorschub geleistet haben.

Denn das wegen Steinschlag gesperrte Wegstück ist leicht zu umgehen. Von Stempeda aus führt nämlich ein Feldweg zur Straße Buchholz-Stempeda, und bereits 20 Meter nach Erreichen der Straße geht er zurück zum Alten Stolberg. Von dort ginge es dann weiter zur Iberg-Talsperre. Diese kleine Mühe wollte man sich wahrscheinlich nicht machen. Das Sperren des Weges ohne Angabe einer Alternative ging schneller.

Dabei hätte es nur zwei oder drei Hinweisschilder und ein paar gelbe Markierungsstriche gebraucht. Und natürlich ein wenig Rücksichtnahme auf die Interessen der Wanderer, und, ja auch ein wenig mehr Einsatz für die Erhaltung historischer Wanderwege als Ausdruck des heimatlichen Lebensgefühls.

Natürlich könnte die Stadt jetzt ins Feld führen, dass der Krebsbach derzeit einen Wegabschnitt überflutet hat. Aber als eine dem Tourismus und dem Menschen verpflichtete Stadt hätte man hier vielleicht einen kleinen Bohlenweg über diesen Bereich bauen können, wie das in anderen Wanderregionen oft geschieht.

Mein Vorschlag: Die gewiss einst teuren Brücken und Stege auch auf Grund der finanziellen Effektivität im gesperrten Teil abbauen und im Sumpfgebiet wieder aufstellen, durch Gehölze blockierte Wegabschnitte freistellen und dem Weg mit seiner über viele Jahrzehnte gewohnten Markierung seine Existenz zurückgeben. Den schleichenden Niedergang von immer mehr schönen Dingen in unserer Wanderregion bitte nicht mehr zulassen.

Zugewachsene oder nicht mehr existierende Wanderwege können Sie gern unter bodo_schwarzberg@yahoo.de melden.
Bodo Schwarzberg
    
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