Meine Meinung

Spaniens Himmel

Mit ein wenig Abstand und einem zugegebenermaßen leicht irritierten Kopfschütteln blickt unser Kolumnist Karl Nickel zurück auf Begebenheiten in der beschaulichen Thüringer Landeshauptstadt am ersten Juliwochenende. Der begnadete Roland Kaiser hatte es bereits am Freitag im schönen Erfurt auf den Punkt gebracht: "Ich glaub' es geht schon wieder los. Das darf doch wohl nicht wahr sein, dass man so total den Halt verliert."

Bild:
Das war Erfurt am 4. Juli 2026 (Foto: CC BY-NC 4.0 widersetzen)

Da war ja richtig was los im sonst so einigermaßen unspektakulären Thüringen. Dabei war es doch nur ein verfassungsrechtlich verbriefter Parteitag, der den Zorn einiger vorwärtsgewandter Demokraten erregte.

Sicher. Niemand hatte die Absicht, eine Mauer in den Köpfen zu errichten oder das Recht auf machtvolle Demonstrationen einzuschränken. Nicht einmal Deutschlands Alternative rieb sich am Brimborium, das bereits im Vorfeld ihrer bundesweiten Wahlversammlung aufgezogen wurde. Frühes Aufstehen hält auch den Geist wach.

Leider ist der Mensch unvollkommen. Er ruft hier und da immer mal wieder das Gedächtnis ab und entdeckt Parallelen in der Geschichte, im Leben, in der Erziehung, in der Weltanschauung, etc. pp. Die Liste ließe sich fortführen. Die älteren Vertreter unter den Ostdeutschen erinnern sich gewiss noch an Paul Dessaus komponiertes und von Ernst Busch mit kämpferischer Attitüde und voller Inbrunst vorgetragenes Lied der Thälmann-Kolonne. In den Kreisen der Komintern war das wohl eine Art Gassenhauer.
"Dem Faschisten werden wir nicht weichen,...", heißt es dort. Paul Dessau wusste es wohl nicht besser, aber im Duktus der wahren Aktivist*innen, muss es ja eigentlich heißen: "Faschist*innen". Als die wahren und aufrechten Antifaschisten geriert sich derzeit ein Bündnis. Nicht nur Wikipedia verrät uns, was es im Wortsinne mit Faschisten auf sich hat. Der Begriff Faschismus ist von italienisch 'fascio' abgeleitet, was „Bund“ bedeutet. Wichtig: Bund, nicht bunt!

Dies Bündnis von Kameraden ohnegleichen nennt sich "widersetzen" und ist nach eigenem Bekunden angetreten, um Widerstand gegen die AfD, gegen Faschismus und rechte Politik durch massenhaften, zivilen Ungehorsam zu leisten sowie der AfD oder anderen rechten Strukturen keinen Raum zu lassen. Blockieren ist die Devise. Gesetzesverstöße mit Ansage. Dazu noch krude Thesen über eine hoffnungsvolle Zukunft mit einem klaren antifaschistischen Selbstverständnis und Haltung. [sic.]

Sie traten an, den AfD-Parteitag zu verhindern, und wenn das nicht geht, dann wenigstens zu blockieren oder zu verzögern. Egal, ob das gegen geltendes Recht verstößt oder nicht. Wir kämpfen für die gute Sache, der sich gefälligst alle anzuschließen haben. Schließlich ist es ja nicht der Parteitag der Linken, auf dem noch knapp einen Monat zuvor in Potsdam Äußerungen wie „Deutschland verrecke!“ zu hören waren. Das sind ja die Guten.

Dumm nur, wenn der zivile Ungehorsam etwas spät daherkommt und die Zielscheiben des aggressiven Protests bereits zum gemeinsamen Stelldichein geschützt durch die Exekutive versammelt sind. Da waren wohl die frühen Vögel doch wieder schneller als die bunten Vögel in den Momenten als der Himmel seine Sterne über den antifaschistischen Schützengräben ausbreitete. Als es dann zum neuen Kampf hinausgehen sollte, grüßte der Morgen schon aus der Ferne. Aber, ein Rückwärts gibt es ja für uns nicht.

Überhaupt ist es mit Vögeln immer so eine Sache. Die einen flattern laut krächzend und chaotisch hin und her, wenn auf der Weide der Bulle kurz schnauft. Die anderen dürfen sich im gemütlichen Nest wieder setzen und gemeinsam Hymnen zwitschern. Tirili.

Die Avantgarde des antifaschistischen Kampfes läuft dann eben in die Innenstadt und traktiert unbescholtene Menschen, die ihrer journalistischen Aufgabe nachgehen, mit Tritten gegen den Kopf als diese bereits von energischen Mitstreitern zu Boden gerungen wurden. Super gemacht! Das ist wehrhafte Demokratie aus dem Lehrbuch. Das zeugt von Größe und Souveränität.

Das Ganze wird dann noch von elitären Kampfgenossen, wie zum Beispiel Frau Göring-Eckardt, im Nachhinein öffentlich goutiert und in angebliche Provokation vonseiten der Verdroschenen umgemünzt. Was sagt eigentlich die sympathische "Aktivistin" Luisa-Marie Neubauer dazu, die ja sonst immer so laut auftritt? Schließlich war sie keine hundert Meter vom Geschehen entfernt. (War eine rhetorische Frage. :-)) Richtig. Sie schweigt ganz schrill und laut.
Man kann sich sicher sein, dass die Reaktion eine komplett andere wäre, wenn ihr Lebenspartner, der stets couragierte Journalist Louis Klamroth, bei einer Recherche, genau wie seine Berufskollegen, auch nur ansatzweise von linienuntreuen Zeitgenossen lediglich berührt worden wäre.

"Sie haben Hass, wir haben Haltung", so liest sich ihre Parole bei der Sitzblockade. Das ist schon putzig. Ganz viel Haltung, ganz viel Meinung, aber ganz wenig Ahnung vom realen Leben der Leute, die jeden Morgen die Steuern für "unsere" demokratische Republik erwirtschaften. Na ja, es kann ja immer passieren, dass man den goldenen Löffel bei der Geburt auch mal verschluckt.
Rührt die Trommel, fällt die Bajonette! Vorwärts marsch, der Sieg ist unser Lohn! Offensichtlich ganz im Sinne dieser Strophen versammelt sich dann ein illustrer Kreis zu einer, wie ich finde, schrägen Pressekonferenz.
Da waren sie wieder, meine Erinnerungen an die Jugend im antifaschistischen Sozialismus der Arbeiterklasse in der ach so deutschen und auch noch demokratischen Republik. Ich fühlte mich an meine Jugendweihe erinnert, als meine adrette Oma Walli mit ihrer feinen Feiertagsbluse im Zebramuster, ihren guten, silbernen Ohrringen, die mich immer an die olympischen Ringe denken ließen, und der frischen Frisur von der PGH Haarkosmetik eigens für das junge Karlchen ein paar Lebensweisheiten abzuspulen wusste.

Nur, Oma Walli wurde nicht ständig mitten im Wort von irgendwelchen gedachten, hochgestellten Sternchen unterbrochen, die ihr zu jeder unpassenden Gelegenheit ins Wort fielen. Außerdem konnte meine geliebte Großmutter zwischen innen und außen unterscheiden.
Das waren noch Zeiten. Im übrigen kannte meine Oma sogar noch Kämpfer der Interbrigaden (sie nannte sie immer 'Rotspanier') persönlich. Aber das nur nebenbei.

Eines muss man dem Bündnis ja lassen. Aus allen denkbaren Himmelsrichtungen wurden die Antifanten ins provinzielle Thüringen gekarrt. Vielleicht kommt der eine oder andere ja mal wieder als Tourist hierher, weil es doch auch so früh am Morgen derart schön ist, dass man sich auf eigens abgesperrten Straßen und Autobahnen wieder setzen kann. Die Heimat ist weit, doch wir sind bereit. Aber, Thüringen ist schön.

Und jetzt rufe ich gleich wieder die Meute der kommentierenden Klugscheißer auf den Plan.
Ich bin immer offen für Belehrungen. (Zwinkersmiley) Genau wie damals, als ich diesen ganzen blöden Unsinn schon in der Schule nicht mehr ertragen konnte.

Liebe Antifaschist*innen, mit Euren grotesken Aktionen und Eurem albernen Benehmen beleidigt Ihr im Grunde nur die Menschen, die für die Sache des Kampfes gegen die "Unterdrücker" ihr Leben lassen mussten. Weißgott, ich bin sicher kein Kommunist oder Faschist oder was auch immer Ihr Euch da über andere Menschen zusammenspinnt. Aber, ich achte die Würde jedes Menschen und auch die verfassten Grundrechte jedes einzelnen. Ich habe auch nichts dagegen, wenn jemand andere Meinungen vertritt. Überdies achte ich demokratische Mehrheiten. Das gehört sich so!

Und, wann immer sich irgendjemand von mir oder meinen Worten angegriffen fühlen sollte, so bitte ich in aller Form um Entschuldigung.

Auch wenn ich mir von Zeit zu Zeit ein wenig Satire, Sarkasmus und Ironie erlaube, so will ich niemanden persönlich beleidigen. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Nur eines geht gar nicht; nämlich andere Menschen in ihren Rechten einzuschränken. Das steht niemandem zu! Wer mit Gewalt gegen andere Menschen versucht, seine Meinung anderen zu oktroyieren, der ist kein Kämpfer für die Demokratie, sondern ein Verbrecher. Und das würde ich genauso auch dem Spektrum rechts vom Redner sagen.
Bis neulich!
Karl Nickel
    
nordthueringen.de bei Google bevorzugen