Tante enso übernimmt Tegut

In Wipperdorf wird’s weitergehen

Anfang März machte die Meldung die Runde, dass die Tegut Einkaufsmärkte von der Bildfläche verschwinden, die Schweizer Eigentümer planten den Rückzug vom deutschen Markt. Betroffen hat das auch Salza und Wipperdorf, zumindest an einer Stelle gibt es jetzt aber wohl gute Nachrichten zu verkünden…

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Bürgermeister Joachim Leßner vor dem Tegut in Wipperdorf: "Wenn der Markt nicht wäre, würde vieles wegbrechen" (Foto: agl)

Bäcker, Mediziner, Sparkasse, Dönerbude, Gemeindeverwaltung, Gemeinschaftssaal und mittendrin zwischen all dem: der Tegut. Zusammen mit Kindergarten, Feuerwehr und Grundschule liegt die überschaubare Kaufhalle buchstäblich im Herzen von Wipperdorf, ein Aus für die zentrale Einkaufsmöglichkeit hätte weitreichende Folgen haben können.

Das zumindest befürchtete Ortschaftsbürgermeister Joachim Leßner. 2015 stand man schon einmal vor dem gleichen Dilemma, mit viel guter Zurede und ein paar praktikablen Ideen konnte der Markt damals gehalten werden. Nun sind größere Kräfte am Werk, der Mutterkonzern der Tegut-Kette „Migros“ zieht sich in ganz Deutschland aus der Fläche zurück. Die Entscheidung wer den Leerstand zumindest teilweise übernehmen könnte lag bis zuletzt in der Hand der Kartellbehörde, der Branchenprimus Edeka hatte Interesse angekündigt, ob sich da nicht zu viel Marktmacht konzentriert, musste erst geklärt werden.


Klarheit gibt es seit Mitte Juni nun zumindest für 36 Tegut-Märkte in Thüringen: nicht Edeka oder Aldi übernehmen das Geschäft, sondern die vergleichsweise kleine Kette „Tante enso“. In Nordthüringen stehen Wipperdorf und Sondershausen auf der Liste der Übernahmen, der Markt in Salza hingegen nicht.

Das Unternehmen mit Sitz in Bremen betreibt deutschlandweit rund 90 Supermärkte und sucht seine Nische zwischen traditionellem Betrieb und moderner Automatisierung. Für die Übernahme in Wipperdorf gebe es bereits grünes Licht, sagt Bürgermeister Leßner, der Gemeinderat hat sich in seiner jüngsten Sitzung eingehend über das Unternehmen und sein Geschäftsmodell informieren lassen, noch diesen Monat soll es eine Bürgerversammlung zum Thema geben.

Sein Sortiment wird der „Tante enso“ Laden über Rewe beziehen, 2.500 bis 3.000 Artikel wolle man anbieten, ergänzt durch lokale Frischware, heißt es in der Übersicht, die der Ortschaftsrat erhalten hat. Für Wipperdorf und die Umgebung könne das ein Mehrwert werden, den es bei Tegut so bisher nicht gab, meint der Bürgermeister, Honig, Eier und andere Naturalien wird in und um Wipperdorf noch an einigen Stellen produziert und könnten unter dem Neustart Absatz finden. Zudem soll eine Kaffee-Ecke und ein Apothekendienst eingerichtet werden, das Personal des Tegut werde man übernommen heißt es von Seiten des Unternehmens.

„Der Tegut hat jetzt von 8 bis 8 geöffnet, „Tante enso“ will über die Automatisierung 24 Stunden, sieben Tage die Woche öffnen aber auch weiterhin Kernzeiten bieten, in denen Personal vor Ort ist. Im Moment sagt man uns, dass man dafür die bisherigen Öffnungszeiten beibehalten will, ob das auch in Zukunft so bleibt oder man sich doch auf Stoßzeiten konzentriert, wird man sehen müssen“, erzählt Leßner, der froh ist, dass die Einkaufsmöglichkeit im Ort überhaupt gehalten werden kann.

Die Genossenschaft kommt zurück
Während über die Jahre andernorts viel verloren ging, hat man sich in Wipperdorf auch dank des zentralen Marktes einiges bewahren können. Für die Brötchen muss man nicht auf den mobilen Bäcker warten und für den Arztbesuch nicht zwingend nach Nordhausen oder Bleicherode fahren. „Uns geht es in Wipperdorf noch vergleichsweise gut, die langen Jahre der Dorferneuerung, die Arbeit an den Straßen und am Kindergarten, all das hat sich bezahlt gemacht. Zu tun gibt es noch genug, aber die gute Versorgung direkt im Ort sorgt auch ein Stück weit für Zufriedenheit. Wenn der Markt nicht hier wäre, würde vieles Wegbrechen und das sollte nicht passieren“, sagt der 80-jährige Bürgermeister, für den die Rettung der Nahversorgung im Ort nach inzwischen 22 Dienstjahren eine der letzten Amtshandlungen sein könnte, im Herbst will Leßner zum zweiten Mal und endgültig in den Ruhestand gehen.

Mit viel Erfahrung und einer Fülle an Lebensjahren im Rücken erinnert sich Leßner auch daran, wie es früher war: vier Läden gab es im Ort - einen HO Markt, einen regulären Konsum im Oberdorf sowie eine Textil- und einen Industriewaren-Konsum im Ober- und Mitteldorf. Hinzu kamen eine ganze Reihe kleinerer Läden und Institutionen wie Fleischerei Hartleb, die den täglichen Bedarf abdecken konnten. Die „Konsum“-Märkte waren Genossenschaftlich organisiert und mit „Tante enso“ kehrt dieser Ansatz nun wieder zurück. Wer Teil des Ganzen ist, bekommt je nach Menge der Anteile ein jährliches Guthaben und eine moderate Rückvergütung beim Einkauf. Zwingend notwendig ist die Mitgliedschaft für die generelle Nutzung des Ladens nicht. Zu den Zeiten, zu denen Personal im Laden ist, kann jeder einkaufen wie gewohnt, wer die erweiterten Öffnungszeiten nutzen will, braucht eine „enso-Karte“ um Zutritt zum Markt zu erhalten, was ebenfalls nicht zwingend mit einer Mitgliedschaft verbunden ist.

Einen Haken aber hat die Sache: damit sich die Übernahme rechnet und tatsächlich ins Rollen kommt, braucht es mindestens 500 Genossenschaftsmitglieder aus der Region. Leßner ist guter Dinge, dass man die Zahl erreichen wird, zumal zum Einzugsbereich nicht nur um Wipperdorf, sondern auch die kleinen, umliegenden Gemeinden gehören. „Wir müssen die Idee jetzt natürlich erst einmal an den Mann bringen. Vor der Bürgerversammlung wird deswegen eine Reihe von „Paten“ berufen und geschult, die auch nach der Informationsrunde noch Fragen beantworten können“, erläutert der Bürgermeister. Das Treffen soll am 21. Juli um 19 Uhr in der Wipperdorfer Kulturscheune stattfinden.

Gänzlich neu ist die Idee in der Region indes nicht, in Görsbach gibt es seit 2023 den „Immer offen“ Markt, ebenfalls genossenschaftlich organisiert und weitestgehend automatisiert, aber ein kleineres und gänzlich lokales Pflänzchen, das Marko Rossmann damals in Zusammenarbeit mit der Gemeinde aus der Taufe gehoben hat. Der Ansatz scheint zu funktionieren, denn auch Rossmann ist inzwischen einen Schritt weiter: in Nohra soll ein zweiter „IO-Markt“ eröffnen, wenn alles klappt, schon nächstes Jahr. Ein Erfolg wäre für die Kundschaft in der weiten Fläche sicher wünschenswert und ein Zeichen wider der Landflucht, auch wenn es nicht der alte „Konsum“ von einst ist.
Angelo Glashagel
    
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