Eine Platane macht Hausbewohnern in der Grimmelallee das Leben zur Hölle - Der Beitrag vom Mittwoch über die Probleme zwischen Grundstückseigentümern und der Stadtverwaltung wirft Fragen auf. Was ist wichtiger in der Stadt: Bäume und Temperaturabsenkung einerseits oder saubere Häuser andererseits? Bodo Schwarzberg mit seiner Kolumne...
Die Platane in der Grimmelallee (Foto: nnz)
Noch vor wenigen Tagen hatten wir in Nordhausen 37 Grad im Schatten, andernorts waren es 40 und mehr. Allzeitrekorde bezüglich der Temperatur haben in Zeiten des Klimawandels ein recht kurzes Leben. Die nächste Hitzewelle steht bereits in den Startlöchern. Wieder werden Menschen sterben.
Ausgerechnet in dieser Situation, wo das vorhandene oder eher zu wenig vorhandene kühlende, städtische Grün in der Öffentlichkeit eine neue, höhere Wertigkeit zu bekommen scheint, sollen laut Bürgerwillen in der Grimmelallee von einer reich belaubten, großen Platane Teile der Krone entnommen werden, weil sie angrenzende Häuser und deren Bewohner beeinträchtigt.
Es ist verständlich, wenn die Grundstückseigentümer unglücklich darüber sind, dass ein Baum, für den die Stadt zuständig ist, ihr Hab und Gut und ihr Wohlbefinden beeinträchtigt. Andererseits dürfte der betreffende Baum einiges zur Temperaturabsenkung in den Wohnungen oder Geschäftsräumen der betreffenden Häuser während der zunehmenden Hitzeperioden beitragen. Für die Bewohner der Häuser ist dieser Effekt Gewohnheit. Der Baum sorgt also gewohnheitsmäßig seit Jahren ganz normal für Schatten und Kühle. Sie kennen es nicht anders. Wäre er ganz oder teilweise weg, würden das die Menschen gewiss spüren und mit mehr Schweiß und Unwohlsein bezahlen müssen.
Ich selbst maß bei 37 Grad im Schatten am vergangenen Wochenende nur 30 Grad inmitten eines Gehölzes im Nordhäuser Neuen Weg. Ein paar Grad können über Leben und Tod entscheiden: Laut Robert-Koch-Institut starben in Deutschland bis Ende Juni 2026 bereits rund 5.100 Menschen an den Hitzefolgen. Und der Sommer hat gerade erst begonnen.
Niemand weiß, ob wir nicht demnächst auch in Nordhausen 40 Grad ober mehr messen werden und der Ruf nach mehr Kühle in den Städten durch mehr Wasserspeicherung und Grün noch lauter wird.
Ist da das von den Hausbewohnern geforderte Zurückschneiden der Platane also wirklich zu verantworten? Sind die von ihnen ins Feld geführten Probleme, die der Baum hinsichtlich Gesundheit und Bausubstanz verursacht, daher vernachlässigbar?
Dass die Stadt ihre Regelwerke als Argumentationsmaterial hervorholt, um nichts an der Situation ändern zu müssen, drückt eine große Schwäche aus, nämlich den Unwillen, sich mehr mit der Gesamtsituation auseinanderzusetzen. Weder Bürokratie noch das Verstecken öffentlich Bediensteter hinter selbiger, kommt in der aktuellen gesellschaftlichen Situation gut an beim Bürger und ist der Situation auch nicht angemessen.
Das Grundproblem: Die Behörden sind in ihren Entscheidungen den Menschen gegenüber nicht wirklich rechenschaftspflichtig. Trotz aller Demokratie. Das habe ich gerade im Naturschutz immer mal wieder erlebt. Mit Basta kommt man aber auf längere Sicht nicht immer weiter. Das ist aus meiner Sicht eine antiquierte Herangehensweise, die der Gesellschaft und der politischen Willensbildung nicht gut bekommt.
In der Situation zunehmender Hitzeperioden hätte die Verwaltung doch ein leichteres und bürgerfreundlicheres Spiel gehabt, wenn sie, statt sich hinter den Paragrafen zum Beispiel ihrer Baumsatzung zu verstecken, konkret die temperatursenkende Wirkung eines großen Baumes ins Feld geführt und auch gewürdigt hätte. Und damit die unter Umständen überlebenswichtige Bedeutung des Baumes für die Hausbewohner. Das wäre lebensnah. Jeder könnte das nachvollziehen.
Und sie hätte zugleich einen Kompromiss anbieten können: Wenn dieser Baum, und das ist unzweifelhaft, für das Stadtklima so wichtig ist, dann kümmern wir uns als Stadt mehr um die Hinterlassenschaften des Baumes, damit wir ihn möglichst wenig kürzen müssen und er seine kühlende Wirkung in möglichst großem Umfange ausschöpfen kann. Denn wir sind sowohl für das Einhalten von Regeln, nicht minder aber für das Wohlbefinden und auch Wohlfühlgefühl der Bürger, verantwortlich.
Ein ökologischer Mehrwert könnte zudem entstehen, indem die Stadt sagen würde, ja wir werden den Baum etwas kürzen. - Auch aus Gründen der Psychologie, die als eine Entscheidungshilfe manchmal wichtiger ist, als das strenge Festhalten an Regeln. Das Kürzen in Zeiten der unter Umständen lebensgefährlichen Hitze ginge natürlich zu Lasten seiner stadtklimatischen Wirkung, weswegen die Hauseigentümer vielleicht einen finanziellen Beitrag zur Pflanzung mehrerer klimaresilienter Stadtbäume leisten könnten. Das wäre eine win-win mit beispielhafter Außenwirkung - nicht nur für die verärgerten Bewohner der Platanenhäuser in der Grimmelallee, sondern wegweisend in der stadtklimatischen Situation.
Denn in dieser leiden wir alle und wir sind zugleich alle gefordert, neu zu denken und zu handeln, auch uns selbst zu beteiligen und einzubringen. Bodo Schwarzberg