Aus dem Kulturausschuss

Eine Mona Lisa zum Geburtstag

Für das Jahr 2026 ist gleich Halbzeit und der große Stadtgeburtstag samt Thüringentag rückt stetig näher. Was Nordhäusern wie Gästen dabei geboten werden soll, blieb dabei bisher im vagen. Einen ersten Einblick in das, was kommen könnte, bekam man gestern im Kulturausschuss. Mit dabei: ein Vorschlag zur Erinnerung an die Stadtgeschichte mit Nordhausens „Mona Lisa“…

Bild: Kunsthistorikerin Jessica Müller am Chorgestühl des Nordhäuser Doms
Kunsthistorikerin Jessica Müller am Chorgestühl des Nordhäuser Doms (Foto: nnz-Archiv)

Jessica Sophie Müller ist Kunsthistorikerin, seit sieben Jahren Stadt- und Gästeführerin, Mitglied im Geschichtsverein und im Bürgerbeirat zum Jubiläum. Allen voran aber ist sie: eine Nordhäuserin die ihre Heimatstadt „vom Scheitel bis zur Sohle“ liebt.

Mit dem 1.100 Geburtstag der Stadt vor Augen hat sich Müller Gedanken gemacht, was sich zum großen Jubiläum kostengünstig aber nachwirkend tun ließe und dabei dass miteinander verbunden, was ihr am Herzen liegt: die Stadt, ihre Geschichte und ihre Kunst.

Ihre Ideen hat sie gestern im Kulturausschuss vorgestellt und ging dabei zunächst weit in der Geschichte zurück, bis in die Anfänge Nordhausens und die Jahre 927 und 929. Eine Stadt ist Nordhausen damals noch nicht, als befestigter Ort und Königspfalz aber bereits ein wichtiger Ort im weiten Netzwerk der frühmittelalterlichen „Reisekaiser“. Ihr Zentrum hatte die Pfalzanlage, die König Heinrich I fertigstellen ließ und die von seiner Frau Mathilde um ein sogenanntes „Damenstift“ erweitert wurde, im Herzen der heutigen Altstadt rund um Wassertreppe, Dom und Barfüßer Straße. Von der Anlage ist (über der Erde) nichts mehr zu sehen, die Nordhäuser selbst hatten, nachdem man anno domini 1220 „Reichsstadt“ geworden war, die Burganlage im 13. Jahrhundert niedergebrannt und abgetragen.


Ihre Spuren hat sie dennoch hinterlassen, in Ortsnamen und der Straßenführung und sie ist unweigerlich verbunden mit dem Nordhäuser Gründerpaar Heinrich und Mathilde. Das umtriebige Ehepaar wie auch die Pfalz sähe Jessica Müller gerne im Herzen der kommenden 1.100 Jahrfeier der Stadt, und zwar zum einen, indem die markanten Punkte der Pfalz im heutigen Stadtbild sichtbar gemacht werden und zum anderen, indem man einen wahrhaftigen Nordhäuser Kunstschatz in die Öffentlichkeit hebt: das hölzerne Chorgestühl des Doms.

Nordhausens Mona Lisa
Als „Werbefiguren“ taugten Heinrich und Mathilde schon den Altvorderen, die vor einem knappen Jahrhundert den 1000. Geburtstag der Stadt feierten, etwa in Form von markanten Schlusssteinen, die in neu gebaute Häusern der Zeit eingesetzt wurden und vor allem in der Oberstadt bis heute zu sehen sind. Die Gestaltung war aus Sicht der Kunsthistorikerin damals nicht die beste Wahl, dabei habe man eine bessere Vorlage und das schon seit nahezu 700 Jahren.

Bild: Elegant und bis ins letzte Detail fein ausgearbeitet: die Gründerfiguren im Dom sind für Kunsthistorikerin Müller "Nordhausens Mona Lisa"
Elegant und bis ins letzte Detail fein ausgearbeitet: die Gründerfiguren im Dom sind für Kunsthistorikerin Müller "Nordhausens Mona Lisa" (Foto: J. Müller)
Heinrich mit Krone und Reichsapfel und Mathilde mit dem Dom in den Händen prangen auf dem Chorgestühl des Gotteshauses, dass um 1380 geschaffen wurde. Es gibt vergleichbare Werke in anderen, mitunter großen und bekannten Kirchen im Land, aber keines ist so fein, so kunstvoll ausgefertigt worden, wie das Nordhäuser Stück aus unbekannter Meisterhand. Für Müller „Nordhausens Mona Lisa“ und ein Pfund, mit dem man wuchern sollte.

Die großen Schlussstücke des Gestühls würden sich gut als „Maskottchen“ und Vorlage für Werbemittel oder Gimmicks eigenen, etwa als Emblem und Plakette, als Fotomotiv mit ausgesparten Gesichtern oder als „Träger“ des Jubiläums-Logos. Wie und was man genauer machen könnte, überlässt die Kunsthistorikerin lieber Grafikern und anderen Fachleuten, wichtig sei, dass man das Gründerpaar, den Dom und die Nordhäuser Kunst mehr als bisher benutze.

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König Heinrich, der erste "deutsche" König, wie man ihn im 14. Jahrhundert verewigt hat (Foto: J. Müller)
Eine Menschenkette in die Vergangenheit
Müllers zweite Idee hat weniger mit der Kunst dafür umso mehr mit der Geschichte zu tun: Die alte Pfalz könne man, kostengünstig und mit wenig personellem Aufwand, wieder sichtbar machen. Valide Rekonstruktionszeichnungen liegen vor, 13 mögliche Punkte, mit denen die Anlage über informative Tafeln visuell umrissen werden könnte, hat Jessica Müller zusammen mit Bauhistoriker Markus Veit schon identifiziert. Dazu gehört etwa die Wassertreppe, die schon im 10. Jahrhundert von der einstigen Burg hinab zum Mühlhof führte, der Dom dessen Grundstein Mathilde legen ließ oder auch der „Königshof“ gegenüber der alten Post, der seinen Namen nicht umsonst trägt.

Ein Rundgang ist heute noch möglich und rund 1,6 Kilometer lang, wobei auch eine direktere Route existierten könnte, die im Moment aber vor allem daran scheitert, dass die Wege entlang der Stadtmauer unterhalb von Dom und Humboldt-Gymnasium nicht zugänglich sind. Ein Umstand, der sich ja vielleicht bis zum Jubiläum noch beheben ließe. Mit im Boot ist auch die Gästeführergilde, die zum Jubiläum entsprechende Führungen anbieten will und das Bürgerkomitee zum Stadtgeburtstag.

Als Highlight schwebt Müller eine Menschenkette vor, die sich einmal entlang der Grenzen der Anlage ziehen könnte. „Es wäre etwas Besonderes mit Außenwirkung, ein schönes und kreatives Zeichen für die historische Identität der Stadt und man hätte die Möglichkeit, die Bürgerschaft direkt mit einzubinden“, sagt Müller vor dem Ausschuss und betont, mehrfach und mit Nachdruck, den günstigen Kostenpunkt einer solchen Aktion.

Erste Einblicke zum Thüringentag
Das Geld dürfte, trotz Geburtstag, Festjahr und Thüringentag der limitierende Faktor aller Mühen sein. So schlecht wie an mancher Stelle schon befürchtet fallen die Finanzen aber nun wohl doch nicht aus, Bürgermeisterin Rieger gab nach den Ausführungen zu Kunst und Geschichte einen ersten Überblick über die Planung zum „Thüringentag“ der mit dem Rolandsfest zusammen fallen wird. Demnach werde die Stadt rund 148.000 Euro als Eigenmittel aufbringen, weitere 450.000 Euro soll die Thüringer Staatskanzlei beisteuern.

Eine erkleckliche Summe, zumindest auf den ersten Blick. Wer auf den zweiten Blick sieht, was musikalische „Top Acts“ dieser Tage für Preise aufrufen, wird schnell Ernüchterung erfahren, man bewege sich im sechsstelligen Bereich, berichtet Rieger und so viel will man eigentlich nicht an einer Stelle ausgeben, schließlich plant die Stadt sieben Bühnen zwischen August-Bebel-Platz, Theater, Rathaus, Blasii-Kirche Petersberg und Bahnhof zu bespielen. Man werde ein gutes Paket schnüren, verspricht Rieger, aber man wird nicht umhinkommen, mit dem Fest-Etat zu haushalten.

Ein paar Details zu den Planungen hatte die Bürgermeisterin im Gepäck, so wird der Ministerpräsident zur Südharzwanderung in die Ortsteile erwartet und die Polizei wird rund 350 Anwärter in Nordhausen feierlich vereidigen. Im Konzept des Thüringentages sind zudem sogenannte „Meilen“ vorgesehen - Müllers vorgeschlagener Rundweg um die alte Pfalz könnte eine „historische Meile“ bilden. Weitere Schwerpunkte wären etwa der Sport auf dem Petersberg, Kunst und Familien, Wirtschaft, Blaulicht, Vereine und Kirchen, Bildung und das Vergnügen.

Im Moment werden noch fleißig Konzepte geschrieben und geprüft, etwa zum Parkraum und der Sicherheit. Letztere wurde beim Rolandsfest bereits erprobt - dem einen oder anderen mögen die ausziehbaren Straßensperren aufgefallen sein, mit denen unter anderem die Gleisanlagen "dicht" gemacht wurden. Die hatte man sich zur Probe auf die Sache kostenlos aus Erfurt borgen können, ob sie auch im kommenden Jahr zum Einsatz kommen oder sich nicht doch noch andere Lösungen finden lassen, steht noch zur Debatte.

Gespräche gibt es auch zu einer eigenen Fest-Website, Merchandise Artikeln wie einem „Plüsch-Roland“ und den Vorschlägen des Bürger-Komitees. Veranstaltungen werde es das ganze Jahr über geben, nicht nur rund um Rolandsfest und Thüringentag, verspricht Rieger, gab aber noch keine Details bekannt.

Man darf und muss also gespannt bleiben, welche Rezepte zum Stadtgeburtstag auf den Tisch kommen. Noch ist Zeit für Ideen, doch die schwindet zügig dahin, 2027 ist schließlich nur noch sechs Monate entfernt.
Angelo Glashagel
    
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