Meine Meinung

Erhaltung von Hochmoor Kälberbruch: Jahrelang verschleppt

In dieser Woche berichtete die nnz über eine begrüßenswerte Initiative des Rotary Clubs Nordhausen zur Revitalisierung des Hochmoors Kälberbruch bei Sophienhof. Lieber spät, als nie, meint Botaniker und nnz-Kolumnist Bodo Schwarzberg, der aber auch Kritik übt...

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Im Juni 2014 befand sich der Kälberbruch auch schon auf dem absteigenden Ast. Damals hätte man die vier Jahre später einsetzende Katastrophe aber wahrscheinlich noch verhindern oder doch wenigstens dämpfen können: Schmalblättriges und Scheidiges Wollgras sind 2014 noch in großen Beständen vorhanden. (Foto: Bodo Schwarzberg)

Der schnelle Niedergang des kleinen Hochmoors gehört zu den traurigsten Beobachtungen, die ich in den vergangenen Jahrzehnten machen musste.

Innerhalb kurzer Zeit vollzog sich eine zeitweilige dramatische Austrocknung großer Torfmoosbereiche. In der Folge setzte eine rasante Vergrasung mit Pfeifengras und eine Überwucherung großer Torfmoosflächen mit konkurrierenden Moosen ein. Eine stark gefährdete karnivore, also „fleischfressende“ Pflanzenart kam in diesem Jahr in kaum noch 20 Exemplaren vor, noch vor zwanzig Jahren waren sie kaum zählbar.

Seltene, moortypische Pflanzenarten wie Scheidiges oder Schmalblättriges Wollgras und weitere Arten der Roten Listen wurden durch die genannten Veränderungen stellenweise bereits deutlich verdrängt. Zumindest eine der oben erwähnten kleinen Moor-Orchideen hat übrigens keiner der mir bekannten Gebietskenner nach 2010 noch gesehen. Dass über diese im gestrigen Beitrag im Präsens geschrieben wurde, wundert mich daher.

Besonders schlimm für das Moor wurde es nach dem Absterben des Fichtenbestandes infolge der Dürre ab 2018, in den es eingebettet war. Das so veränderte Mikroklima, auch durch die nun teilweise ungehinderte Sonneneinstrahlung, setzte bei der Mooraustrocknung einen Turbo in Gang.

Auf einer Stelle des Moores, die auch heute noch nicht völlig vergrast ist und die von einer stark gefährdeten Art einen winzigen Restbestand beherbergt, lagen 2022 zahlreiche Äste umgestürzter oder gefällter Fichten, die ich in einer größeren Aktion entfernte. Dadurch konnte der Restbestand der stark gefährdeten Art womöglich gerettet werden, wofür sich die UNB Harz bei mir bedankte. Zudem entferne ich dort seit Jahren konkurrierende, in den Torfmoosbestand eindringende Fremdmoose.

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Der Ausschnitt zeigt den Kälberbruch am 11.Juli 2026, etwa gleiche Position wie im Juni 2014. Massiver Gehölzanflug, Vergrasung mit Pfeifengras als Ergebnis der Austrocknung, Wollgräser stark zurückgegangen. (Foto: B. Schwarzberg)

Nun also soll auch von staatlicher Seite tatsächlich etwas zur Renaturierung des Moores geschehen. Es ist dazu gewiss nicht zu spät, aber sehr spät. Schon vor Jahren setzte ich mich vergeblich für eine Verbesserung der Situation ein und bot sogar an, die dem Moorkörper zusätzlich schädigende massive Gehölzentwicklung gemeinsam mit anderen Ehrenamtlern zurückzudrängen.

Bereits 2015 sollte es ein Naturschutzgroßprojekt geben, das nie verwirklicht wurde. Teil dieses Projektes sollten u.a. Maßnahmen zur Stabilisierung des Wasserregimes durch Verschluss von Entwässerungsgräben sein. Schon damals wies ich in Mails an das Thüringer Umweltministerium auf die negative Entwicklung hin und forderte nach dem Aus des Naturschutzgroßprojektes andere Maßnahmen.

Hätte man vor der Dürre ab 2018 schon etwas effektiv getan, wäre die Situation im Moor möglicherweise nicht so eskaliert, wie seitdem geschehen. Erschwerend kam sicherlich hinzu, dass mitten durch den Kälberbruch die Landesgrenze zwischen Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie die HSB-Strecke Wernigerode-Nordhausen verläuft. Dennoch hat man viel zu lange gewartet. Nicht alle gefährdeten Pflanzenarten werden die derzeitige Phase möglicherweise überleben. Neben der Moor-Orchidee ist, bedingt durch den Waldverlust, längst auch der Sprossende Bärlapp Lycopodium annotinum Geschichte.

Dass der Landkreis Nordhausen Ausgleichszahlungen aus dem Radwegebau zuschießen will, ist zu begrüßen. Gibt es ähnliche Ausgleichsmaßnahmen, insbesondere zur Rettung von Bergwiesen durch Mahd, auch mit Mitteln der Gipsindustrie? Ich weiß, dass andere Landkreise mit Mitteln aus dem Gesteinsabbau so verfahren und damit Erhaltungsprobleme für Bergwiesen lösen können. Auch dem Nordhäuser Naturschutzbeirat schlug ich dieses Thema zur Diskussion mit der Unteren Naturschutzbehörde vor.

Ärgerlich finde ich, dass im gestrigen Beitrag wirklich seltene und stark bedrohte Arten erwähnt wurden. Damit meine ich nicht die Wollgräser. Es ist doch bekannt, wie oft es Pflanzenraub in der Natur gibt, und dass sich Fundstellenangaben durch die sozialen Medien unkontrolliert verbreiten können. Die Benennung konkreter Fundorte ist gerade für uns ehrenamtliche Artenschützer schwer hinnehmbar.

Hoffen wir nun, dass dem kleinen Hochmoor Kälberbruch der endgültige Verlust doch noch erspart bleibt, und das wichtige, angedachte Projekt nicht wieder im Sande verläuft. Eigentlich hätte die Initiative dazu von den zuständigen Stellen in Thüringen kommen müssen und nicht von einer privaten Organisation. Denn der Staat ist für die Erhaltung der letzten Moore verantwortlich. Umso dankbarer muss man den Rotariern für ihre Initiative sein.
Bodo Schwarzberg
    
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