Minister Schütz besuchte Alte Kanzlei in Bleicherode

Auch der Norden hat seine Perlen

Die Alte Kanzlei ist ein Herzstück Bleicherodes, das ohne Ehrenamt und Unterstützung der Stadt schon lange aufgehört hätte zu schlagen. Den jüngsten Wurf besah sich heute Thüringens Minister für Infrastruktur, Steffen Schütz…

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Infrastrukturminister Steffen Schütz ließ sich heute von Joachim Böhm die "Alte Kanzlei" in Bleicherode zeigen (Foto: agl)

Wer sehen will, wie es um die „Alte Kanzlei“ Mitte der 90er Jahre stand, der muss kein Geschichtsbuch aufschlagen, ein Blick auf die andere Straßenseite genügt: alte Bausubstanz, die ohne Engagement, Arbeit und Geld langsam ihrem Ende entgegengeht.

Dem Vier-Seiten-Hof hätte nach fast 400 Jahren der Abbruch gedroht, hätten sich nicht engagierte Bleicheröder wie Joachim Böhm gefunden, die das historische Ensemble in steter Arbeit vor dem Zahn der Zeit bewahrten. Seit bald 30 Jahren ist Böhm Vorsitzender des Kanzleivereins, kaum einer kennt sich hier besser aus, als er. Über die Jahrzehnte hat man viel geschafft: die kleine Stadtbibliothek hat hier ihren Platz gefunden, aus der „Schwarzküche“ hat man eine "Snoozleecke" gemacht, in der regelmäßig Kindern vorgelesen wird, im Obergeschoss finden sich die Musikzimmer der Außenstelle der Kreismusikschule Nordhausen und eine umfangreiche und tief recherchierte Ausstellung zur jüdischen Geschichte Bleicherodes. Im Nebengelass können kleinere und größere Gruppen bewirtet werden und auf und um den Hof hat das Kulturleben der Stadt eine Heimat gefunden -von den jüdisch-israelischen Kulturtagen bis zum „Kanzlei-Advent“, Puppentheater, Suppen- und Marmeladentag.


Und das alles: ehrenamtlich. Die jüngste Idee: eines der bisher ungenutzten Nebenhäuser richtet man wieder her und bietet die zehn Räume als „Co-Working“ Space an, geteilte Mietbüros auf Zeit. „Wenn wir keine Museumdörfer bauen wollen, müssen wir flexible und nutzbare Lösungen für unsere alten Städte finden“, sagt Böhm. Die nötigen Mittel besorgt die Landgemeinde Bleicherode über Förderprogramme, das ist der Deal zwischen ehrenamtlichen Verein und hauptamtlicher Verwaltung. Für größere Eigeninvestitionen sind dem notorisch klammen Bleicherode die Hände gebunden, man musste über die Jahre immer wieder kreative Lösungen finden, auch um den Kern der alten Kali-Stadt erhalten zu können, erzählt Bürgermeisterin Franka Hitzing.

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Ministerbesuch in Bleicherode, v.l.: Joachim Böhm, Landgemeinde-Bürgermeisterin Franka Hitzing, Infrastrukturminister Steffen Schütz und Landrat Matthias JendrickeFranka (Foto: agl)

„Im Moment haben wir andere Prioritäten, wir können nicht alte Gebäude hübsch machen, in denen keiner wohnt, während die Lage im Kindergarten am Löwentor schlicht nicht mehr tragbar ist“, sagt Hitzing. Die Landgemeinde hat keinen Haushalt und steht unter finanzieller Aufsicht, das Kreditprogramm des Freistaates ist willkommen aber für den Bedarf kaum ausreichend. Man hofft deswegen auf Wohlwollen und Hilfe aus Erfurt, gerade wenn es um den Umgang mit den Haushaltswächtern des Landesverwaltungsamtes geht. Bei allem Stolz ob der Leistung, die man an der Alten Kanzlei zweifelsohne geleistet hat, blickte man beim heutigen Besuch des Ministers denn doch vor allem auf das, was da von Landesseite noch kommen soll und müsste.

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Die Alte Kanzlei in Bleicherode (Foto: agl)
Bei Schütz, der sich interessiert eine gute Stunde alle Winkel des Bleicheröder Denkmals zeigen lässt, darf man auf offene Ohren hoffen. „Ich nehme aus Bleicherode das mit, was ich aus dem Norden immer mit nehme: Thüringen ist „steinreich“ aber unsere Perlen liegen nicht nur an der Perlenkette zwischen Eisenach und Jena. Auch Bleicherode und Nordhausen haben es verdient, das wir genauer hinschauen und nicht immer nur die A4 entlang blicken. Hier hat lange vieles brach gelegen. Wir haben uns in den Koalitionsvertrag geschrieben, dass wir die Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land angleichen wollen und daran werden wir uns als Landesregierung messen lassen müssen und in dem Sinne muss man auch den Menschen hier ein Gesicht geben“, so Schütz.

Bild: Farbenfroh und eingestaubt - Alt geblieben und Neu gemacht liegen in der Bleicheröder Innenstadt nah beieinander
Farbenfroh, eingestaubt und abgedeckt - Alt geblieben und Neu gemacht liegen in der Bleicheröder Innenstadt nah beieinander (Foto: agl)
Landrat Matthias Jendricke sekundiert, der Minister lasse sich häufiger als andere Kollegen in der Vergangenheit im Norden des Freistaates blicken, wobei es auch an der Region selbst liege, auch sich aufmerksam zu machen. „Von alleine kommt niemand und sagt „Wollt ihr nicht mal“. Man muss sich schon selber auf den Weg machen. Das Gleiche gilt aber auch für die Landesseite, die im Bund dafür sorgen muss, dass man Thüringen nicht vergisst“, so Jendricke.

Um die Politur für die „Perlen“ wird so allerorten gerungen, in Bleicherode hofft man etwa, noch Mittel für die Ertüchtigung des „Nähsaals“ der Alten Kanzlei zu finden, der immerhin gut 150 Menschen Platz bietet und ideal für Veranstaltungen und Feierlichkeiten mittlerer Größe eignen würde. Doch erst einmal ist die „Co-Working“ Idee dran, man liegt in den letzten Zügen. Noch fehlt es an Mobiliar, doch wenn das einmal da ist, sollen die Arbeitsplätze allen modernen Ansprüchen genügen. Und wenn es nicht klappt mit der schönen, neuen Arbeitswelt? Dann gibt es einen Plan B, versichert Kanzlei-Altvater Böhm. Stehen bleiben wird man nicht, auch wenn die Mittel knapp sind, dafür gibt es noch viel zu viel zu tun.
Angelo Glashagel
    
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