Geschichte der Alexander-Puschkin-Straße:

Nur die Schönheit kann uns retten

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Vortrag zur Geschichte der Puschkin-Straße im Museum Tabakspeicher (Foto: Vincent Eisfeld)
Prächtige Villen, berühmte Bewohner und ein Blindgänger, der 1945 in einem Kinderbett landete. Kaum eine Straße in Nordhausen hat ihr historisches Gesicht so gut bewahrt wie die Alexander-Puschkin-Straße. Einer ihrer Bewohner, Gerhard W. Geis, erzählte vor Kurzem im Museum Tabakspeicher ihre Geschichte…

Selten dürfte ein Vortrag beim Nordhäuser Geschichts- und Altertumsverein so persönlich grundiert gewesen sein wie der, zu dem sich am Dienstagabend zahlreiche Geschichtsfreunde im Museum Tabakspeicher einfanden. Gerhard W. Geis, gebürtiger Hesse, war nach juristischer Ausbildung mit Schwerpunkt Immobilienrecht zunächst Justitiar in der Wohnungswirtschaft und später geschäftsführender Gesellschafter. 2017 zog er mit seiner Familie nach Nordhausen und erwarb das Haus Alexander-Puschkin-Straße 24, eine 1907 nach Plänen des Nordhäuser Architekten Wilhelm Morgenstern errichtete Villa, die er zwischen März 2018 und März 2019 denkmalgerecht sanieren ließ. Bereits zum Tag des offenen Denkmals im September 2019 präsentierte sich das Haus wieder in vorzeigbarem Zustand. Wer sich auf ein solches Abenteuer einlasse, so Geis, brauche einen langen Atem, Geduld und eine gewisse Portion Leidensfähigkeit: „Muss man verrückt sein, um so etwas zu machen? Nicht unbedingt – aber wenn man es ist, dann hilft es ungemein.“


Was ihn von Anfang an an der Nordhäuser Oberstadt gelegenen Straße begeisterte, sei das architektonisch-ästhetische Straßenbild in seiner selten vollständigen Erhaltung, vergleichbar allenfalls mit dem Frankfurter Holzhausenviertel oder dem Malerviertel in Sachsenhausen. Die Straße besteht aus 34 Häusern, von denen nach der Wende zunächst 13 Liegenschaften unter Denkmalschutz gestellt wurden. Ein entscheidender Impuls für die verdiente Beachtung der baulichen Qualität kam durch die 1998 entstandene Diplomarbeit von Manuela Kürbis über das „wilhelminische Villenviertel in Nordhausen“. Kürbis hatte Bauakten gesichtet, Häuser begangen und eine erste Einschätzung zur historischen und städtebaulichen Relevanz abgegeben, der sich die untere Denkmalbehörde unter Hans-Jürgen Grönke weitgehend anschloss. So konnte bei gut einem Drittel des Gebäudebestandes verhindert werden, dass nach der Wiedervereinigung – als die West-Baumärkte öffneten und die Versuchung groß war, historische Fenster gegen Kunststoffprodukte und schöne Zaunbegrenzungen gegen Industriegitter zu tauschen – nachteilige Veränderungen das Straßenbild zerstörten.

Vom Osterweg zur Puschkin-Straße
Ihren heutigen Namen trägt die Straße erst seit 1949, zuvor hieß sie Osterstraße. Mit dem höchsten Fest der Christenheit hat der Name allerdings nichts zu tun, auch wenn der parallel verlaufende Pfingstweg (die heutige Friedrich-Naumann-Straße) diesen Gedanken nahelegt. Im Nordhäuser Adressbuch von 1868 wird als Vorläufer ein „Osterweg“ genannt, der von der Stolberger Chaussee bis zum Lindenweg führte. Die Erweiterung des Wortstammes mit -er ist im nordwestdeutschen Raum häufig anzutreffen und verweist auf den niederdeutschen Ursprung des Namens – die Osterstraße ist schlicht eine nach Osten führende Straße, so Gerhard Geis in seinen Ausführungen.

Anschaulich schilderte der Referent die Ausgangslage: Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts lebten die Nordhäuser weitgehend im Ring ihrer Stadtmauern, und die von alten Postkarten überlieferte Fachwerkidylle darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Wohnen dort selbst für sozial Bessergestellte alles andere als angenehm war. Schlechte hygienische Verhältnisse, wenig Sonne und Enge, keine raumbezogene Funktionstrennung, Gemeinschaftstoiletten im Hinterhof. Dazu kam eine Schweinerei im Wortsinn – die Brennereibesitzer hielten im Nebenerwerb Schweine, die mit Schlempe gefüttert und täglich durch die Gassen getrieben wurden. Wer es sich leisten konnte, strebte nach einem wohngesunden Haus mit „Licht, Luft und Sonne“.

Der Startschuss für die Stadterweiterung fiel mit dem Beschluss der Nordhäuser Stadtverordneten vom April 1867, das Gelände um den „Spiegel“ vor dem Töpfertor als Bauland freizugeben, mit bemerkenswert modernen Vorgaben: breite, rechtwinklig kreuzende Straßen, befestigte Gehwege auf beiden Seiten, geordneter Oberflächenwasserabfluss und förmliche Genehmigungsverfahren. Ermöglicht wurde die Entwicklung durch das industrielle Wachstum der Stadt und die Verbesserung der Infrastruktur, ab 1900 zusätzlich befördert durch die Straßenbahn, deren „weiße Linie“ ihre Endhaltestelle an der Wallrothstraße/Ecke Geiersberg hatte.

Die Bebauung der Osterstraße begann 1874 mit den drei schlichten Fachwerkhäusern Nr. 8 bis 10, die eigentlich gar nicht zur späteren villenartigen Nachbarschaft passen. 1897 folgte das Institutsgebäude Nr. 17, die Mehrzahl der villenartigen Bauten entstand zwischen 1902 und 1918, die Kanalisation kam 1912. Mit dem Haus Wahnschaffe (Nr. 23) von 1936 waren die Baulücken fast vollständig geschlossen, abgesehen von zwei DDR-Typenhäusern, die in den 1980er Jahren auf einem ehemaligen Gartengrundstück errichtet wurden.

Berühmte Bewohner zwischen Riemannstraße und Geiersberg
Erstaunlich viele bemerkenswerte Persönlichkeiten lebten in dem überschaubaren Abschnitt zwischen der Kreuzung Riemannstraße/Albert-Traeger-Straße und der Straße Am Geiersberg. Da ist zunächst der Heimatforscher Heinrich Heine (1860–1931), Mittelschullehrer, aktives Mitglied des Geschichts- und Altertumsvereins und Mitautor des 1927 erschienenen Werkes „Das tausendjährige Nordhausen“ (Haus Nr. 21). Im Haus Nr. 20 wohnte zeitweise Philipp August Rappaport (1879–1955), Architekt, Stadtplaner und Architekturtheoretiker, der sich in seiner Schrift „Eine alte Reichsstadt wie sie war und wird“ (1907) heftig über die Verschandelung des Nordhäuser Stadtbildes durch den Historismus ereiferte und wörtlich von „gekauften Köpfen“ sprach.

Eng mit der Straße verbunden ist Benno Wildt (1860–1945), Gründer des „Wildtschen Instituts für schwachbegabte Kinder besserer Stände“ (Nr. 17). Wildt wohnte im Institutsgebäude und später im Haus Nr. 25. Sein Institut, dessen jährliches Pensionsgeld von 1.100 Goldmark dem Jahresverdienst eines ausgebildeten Handwerkers entsprach, fand nach dem Ersten Weltkrieg in Dr. Kurt Isemann (1886–1954) einen idealen Käufer. Der Arzt, Neurologe und Sonderpädagoge führte die Einrichtung als Jugendsanatorium fort, das weit über Deutschland hinaus Bekanntheit erlangte. Wegen seiner empathischen Gesinnung, seines Engagements für Suchtkranke und seines mutigen Eintretens für Verfolgte in der NS-Zeit wurde Isemann als „Albert Schweitzer von Nordhausen“ gewürdigt.

Ein dunkles Kapitel verkörpert Heinz Kunze, Direktor der Mittelwerke GmbH, die im Stollensystem des Kohnsteins unter Einsatz von KZ-Häftlingen Raketenwaffen produzierte. Laut einem Besprechungsprotokoll befürwortete Kunze den Einsatz von KZ-Häftlingen für den Raketenbau ausdrücklich; 1944/45 wohnte er im Haus Nr. 25. Versöhnlicher die Erinnerung an Lothar de Maizière, geboren 1940 in Nordhausen, der im Haus Nr. 19 in der Wohnung seines Großvaters, des Redakteurs und Historikers Johannes Rathje, aufwuchs. Der erste demokratisch gewählte und zugleich letzte Ministerpräsident der DDR wurde 2010 zum Nordhäuser Ehrenbürger ernannt.

Von der Gründerzeit zur Neuen Sachlichkeit
Baugeschichtlich unterschied Geis zwei Klassen: die Gründerzeitbauten (1895–1905) mit massivem Vollmauerwerk, preußischen Kappendecken, Zierklinkerfassaden und seriellem Betonstuck-Dekor – jenen „gekauften Köpfen“, die man quasi aus dem Katalog bestellen konnte – sowie die zwischen 1907 und 1918 errichteten Häuser des Reformstils mit zweischaligem Mauerwerk, verputzten Fassaden, reduziertem Dekor und bewusster Asymmetrie. Während die Neo-Stile des Historismus von Paris bis Königsberg fast überall gleich aussahen, wollte der Reformstil an regionale Bautraditionen anknüpfen; die WCs verdienen nun ihren Namen und werden direkt in der Wohnung angeschlossen. Als anschauliches Beispiel diente die Villa Spengemann (Nr. 16), eine Mietvilla mit drei abgeschlossenen Wohnungen, deren Kaufpreis von 40.500 Goldmark im Jahr 1911 gut dem 30- bis 35-fachen Jahresgehalt eines Handwerkers entsprach. „Auch damals war das Bauen teuer!“, kommentierte das Publikum.

Als Faszinosum bezeichnete der Referent die vier Bauten des Nordhäuser „Star-Architekten“ Gustav Ricken (1877–1972), an denen sich auf kurzer Strecke der Entwicklungsprozess im künstlerischen Schaffen ablesen lässt: von der landhausartigen, an die englische Arts-and-Crafts-Bewegung erinnernden Villa des Bürgermeisters Becker (Nr. 14, 1909) über die noch dem Reformstil verhaftete Villa Uhlenhut (Nr. 7, 1926) und den schlichten Neoklassizismus der Villa Loewié (Nr. 28, 1912) bis zum konsequent dekorlosen Haus Wahnschaffe (Nr. 23, 1936) im Geist der Neuen Sachlichkeit. Ausführlich widmete sich Geis zudem dem Bautyp der großbürgerlichen Villa – von der strikten Trennung herrschaftlicher Wohnräume und des ins Souterrain verbannten Wirtschaftsbereichs über die unbeheizten Mädchenkammern im Dachgeschoss bis zur bescheidenen „Badestube“ von vier bis sechs Quadratmetern, die mit heutigen Wellness-Oasen nichts gemein hatte.

Weltgeschichtliche Zäsuren auch in der Straße
Von der NS-Zeit blieben auch die Menschen der vornehmen Osterstraße nicht verschont, allen voran die jüdischen Bewohner, die vielfach dem gehobenen Bürgertum angehörten. Der Fabrikant Hans Prausnitz (Nr. 19) sah sich 1937 zur Auswanderung nach Palästina gedrängt und musste sein Vermögen zurücklassen; das Ehepaar Praeger (Nr. 25) konnte Deutschland noch 1939 verlassen. Paula Philipp, Witwe des jüdischen Stadtverordneten Richard Philipp, emigrierte in die Niederlande, ihre beiden Söhne und eine Schwiegertochter wurden 1945 im KZ Bergen-Belsen ermordet. Der geistig behinderte Ernst Plaut, Dauerinsasse des Wildtschen Instituts, kam 1938 trotz Isemanns mutiger Intervention im KZ Buchenwald um. Der Rechtsanwalt und Notar Dr. Paul Frohnhausen, Eigentümer des Hauses Nr. 18, und seine Frau Melanie wurden 1942 deportiert und ermordet.

Bemerkenswert ist, was die wenigsten wissen: Beim Umgang mit geraubtem jüdischem Eigentum nahm Thüringen mit dem Wiedergutmachungsgesetz vom 14. September 1945 deutschlandweit anfänglich eine Vorbildrolle ein – geraubtes Eigentum sollte den Berechtigten individuell zurückerstattet werden. Das Gesetz wurde jedoch vom DDR-Staat systematisch unterwandert und 1952 förmlich aufgehoben; die Rückgabe von Privateigentum stand im Widerspruch zur sozialistischen Politik, und der antifaschistische Gründungsmythos zeichnete die DDR von jeglicher Mitverantwortung frei.

Die schweren Luftangriffe vom 3. und 4. April 1945 überstand die Osterstraße weitgehend unversehrt. Dass es nicht schlimmer kam, verdankt sie einem Glücksfall. Ein Blindgänger durchschlug das Dach des Hauses Nr. 20, durchbrach zwei Geschossdecken und landete – ohne zu explodieren – in einem Kinderbett.

Für die DDR-Zeit schilderte Geis Wohnraumzwangsbewirtschaftung und „vorläufige Verwaltung“: Als „aktive Nazis“ eingestufte Anwohner wurden aus ihren Wohnungen entfernt, villenartige Einfamilienhäuser nach Etagen aufgeteilt, nicht selten mussten sich Bewohner die Wohnflächen zimmerweise teilen.

Wer in einer Firma mit Zwangsarbeitern eine leitende Funktion innegehabt hatte, tat gut daran, die sowjetische Besatzungszone zu verlassen, erinnert wurde im Vortrag an Werner Rathsfeld (Nr. 19), dessen Leidensweg durch GPU-Verhörkeller, Speziallager und Zuchthaus in seinem 1993 erschienenen Erlebnisbericht „Die Graupenstraße“ nachzulesen ist. Zwangsverwaltete Häuser wurden schließlich durch zielgerichtete Überschuldung enteignet. Kredite ohne Zustimmung der Eigentümer, Hypotheken in den Grundbüchern, gedeckelte Mieten von 50 bis 60 DDR-Mark und am Ende überstiegen die Verbindlichkeiten den Wert der Häuser. Die SWG als Rechtsnachfolgerin der Kommunalen Wohnungsverwaltung besitzt in der Straße heute noch vier Liegenschaften.

Zuversichtlicher Ausblick trotz großer Herausforderungen
In den letzten 35 Jahren konnte der Instandhaltungsstau dank großen Kapitaleinsatzes, attraktiver Abschreibungsmöglichkeiten und einer ordentlichen Portion Idealismus weitgehend behoben werden, in der Regel mit gebotenem Respekt vor der historischen Bausubstanz. Der Referent verweist aber auch auf wenig geglückte Beispiele und auf die großen Herausforderungen für den historischen Gebäudebestand: anziehende Zinsen, seit 2020 um die Hälfte gestiegene Baukosten, der Druck der Energiewende und CO2-Abgaben, von denen selbst eingetragene Baudenkmale nicht befreit sind. Im Erhalt historischer Bauten seien indes nicht nur ökologische Vorteile – die im Bau gebundene „graue Energie“ –, sondern auch kulturelle Werte eingebunden: Geschichte, Tradition, Wissen, Ästhetik.

Am Ende des Abends gab es noch ein bislang ungelöstes Rätsel: Wer nachweisen kann, zu welchem herrschaftlichen Anwesen der Gartenpavillon auf der Lithographie von Gustav Frank (um 1875) gehörte, dem winkt eine wertvolle Flasche Sekt.

Trotz aller Schwierigkeiten, die Hauseigentümer von Stilaltbauten zukünftig und gegenwärtig zu bewältigen haben, findet der Referent über ein Zitat von Dostojewski („Nur die Schönheit kann uns retten“) zu einem hoffnungsvollen und versöhnlichen Schlusswort. Die wunderschönen Villen der Alexander-Puschkin-Straße, durchweg mehr als 100 Jahre alt, hätten als steinerne Manifestation des Geistes ihrer Erbauer den Stürmen der Zeitläufte widerstanden und Haltung bewiesen. „Grund genug zur Zuversicht, dass der Zauber der Vergangenheit auch weiterhin erhalten bleibt“, schloss Gerhard Geis seinen 1,5-stündigen Vortrag.

Nach der Sommerpause setzt der Nordhäuser Geschichts- und Altertumsverein seine Vortragsreihe fort mit „Der Kyffhäuser mit seiner Burg, dem Denkmal und Umfeld einst und heute“ (8. September). Gäste sind wie immer herzlich willkommen.
Vincent Eisfeld
    
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