Baumpflege in luftiger Höhe

Tue Gutes und klettere dabei

Bäume müssen nicht nur gepflanzt, sondern auch gehegt, gepflegt und mitunter auch gefällt werden. Wo die Kettensäge allein nicht ausreicht und Harvester und Hebenbühne nicht mehr hinkommen, muss geklettert werden. Mit der Arbeit in luftiger Höhe haben sich zwei Nordhäuser Heimkehrer das Hobby zum Beruf gemacht…

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v.l.: Felix Münch und Joris Liebig haben ihr Hobby zum Beruf gemacht (Foto: agl)

Einen Baum zu fällen ist nicht schwer. In der Theorie. Die Kettensäge angeschmissen und ritsch, ratsch ist die Sache rum, der Baum fällt um. Soll besagtes Gehölz dabei nicht auf den eigenen Kopf oder das Haus des Nachbarn fallen, sollte man aber vielleicht besser wissen, wo man den Schnitt richtig setzt. Also doch lieber noch einen Kettensägenschein gemacht. So manches Gehölz erreicht über die Jahre beachtliche Höhen, vielleicht wäre es dann besser, auch schweres Gerät zu haben und die Sache von oben, Schnitt für Schnitt anzugehen. Und was, wenn unser Baum nun noch an einer Stelle steht, an der auch die Hebebühne nicht mehr hilft? Dann muss man klettern können. Mit der Kettensäge hoch hinaus, 10, 20, 30 Meter und mehr.


Man merke also: Einen Baum zu fällen ist nicht schwer. Jeden Baum fällen zu können hingegen sehr. Es braucht Ausrüstung, Erfahrung und Fachwissen und das bringen tatsächlich auch am Rande des Harzes nur Wenige mit. Zu dem kleinen Kreis der Baumkletterer gehören auch Felix und Joris, Sandkastenfreunde, die in der Ferne studiert haben, aber immer zurück in die Heimat wollten. „Ich habe Forstwirtschaft studiert und wollte eigentlich auch als Förster arbeiten, Frischluft haben. Über Freunde bin ich dann aber zum Klettern gekommen und dann führte eins zum anderen“, erzählt Joris Liebig. Seinen Kumpel Felix Münch, der eigentlich drauf und dran war Lehrer zu werden, bat der Kletterer bei einer Aufgabe um Hilfe und so nahm auch dessen Schicksal den Weg in die Bäume. Heute sind beide „European Tree Worker“, kurz „ETW“ und haben auf dem Weg dahin jeweils zwei Kettensäge- und Kletterscheine sowie zahlreiche Praxisstunden absolvieren müssen.

Inzwischen ist das Duo heimgekehrt, betreibt in Niedersachswerfen seit ein paar Jahren das „Baumteam JOLIX“. „Das Fällen ist die eine Seite, wenn es aber um Baumpflege geht, dann wird das schon ein Spezial- und Fachgebiet. Wir arbeiten viel mit Verwaltungen, Kommunen und den zuständigen Behörden zusammen, vor allem wenn es um die Verkehrssicherung geht. Die ist für jeden Grundstückseigentümer Pflicht, mitunter haben wir also auch mit Privatleuten zu tun. Der Job ist Krisenfest: Unsere Arbeit wächst immer nach“, scherzt Joris. Da wo der Bauhof nicht mehr hinkommt oder die Säge allein nicht reicht, da kann das Baumteam einspringen, von der kompletten Entnahme und Verarbeitung bis zum Zurechtstutzen und dem Entfernen von Totholz vom Boden bis zur Krone.

Wird ein Baum gefällt stößt das gerade im öffentlichen Raum nicht immer auf Gegenliebe, in den allermeisten Fällen handelt es sich aber um „Problembaumfällungen“, erläutert Joris Liebig, „für den Laien sieht mancher Baum von außen noch gut aus, die Probleme liegen aber oft im Inneren und auch wir müssen da erst einmal genauer hinschauen. Und wir kommen ja nicht nur, um wegzumachen. Baumerhalt und Naturschutz durch Pflege sind zentraler Bestandteil in unserem Arbeitsalltag“. Für den Feinschnitt in der Krone muss der Baum nicht fallen und wird es doch nötig, dann muss nicht zwingend alles zu Brennholz gemacht werden. Auf dem neuen Betriebsgelände in Niedersachswerfen lagert man deswegen nicht nur Hackschnitzel, sondern stapelt auch Holzbohlen, die darauf warten, anderweitig Verwendung zu finden.

Tue Gutes und klettere dabei
Geht es mit Seil und Kettensäge hoch hinaus, braucht es Grundvertrauen zu denen, die am Boden bleiben und sichern, erzählt Felix Münch, der Beruf ist gefährlich und kein Baum wie der andere. „Das ist auch so ein Punkt, an dem es gut ist, dass wir uns schon ewig kennen und blind aufeinander verlassen können. Der Beruf ist gefährlich und wenn man bei Minus 15 Grad in 20 Metern Höhe baumelt, wünscht man sich schon einmal, gerade lieber woanders zu sein. Aber die meiste Zeit über ist es einfach toll. Wir haben unser Hobby zum Beruf gemacht, wir haben Spaß und ein bisschen Welt retten und etwas Gutes tun ist auch dabei.“, sagt Münch.

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Das "Baumteam JOLIX" zählt inzwischen fünf Köpfe (Foto: agl)

Die Werkshalle am Kohnstein hat man größtenteils in Eigenleistung aufgebaut, gestern gab es für Partner, Wegbereiter und Freunde eine kleine Einweihungsfeier und praktische Demonstrationen von Arbeitsgerät und Klettertechnik. Allein sind die beiden Freunde nicht mehr, das Team zählt inzwischen fünf Köpfe. Die Fähigkeiten der kleinen Truppe sind auch zwischen Südharz und Kyffhäuser selten und die Folgen der Trockenperiode seit 2018 machen den Einsatz der Säge immer wieder nötig. Die Bäume wachsen freilich trotzdem weiter, an Arbeit wird es also über kurz oder lang nicht mangeln.
Angelo Glashagel
    
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