WISSEN SIE ES NOCH?

Was haben Sie am 4.7.1954 gemacht?

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Deutschlandfahne (Foto: ASSY auf Pixabay)
Da haben Sie noch gar nicht gelebt? Gut für Sie, dann brauchen Sie sich noch keine Gedanken um Ihre Restlaufzeit zu machen. Aber Ihnen entging auch ein ganz besonderes Ereignis, ist sich nnz-Autor Jürgen Wiethoff sicher...

Ich kam zu diesem Datum etwa um 16:45 Uhr in die Arme eines kräftigen Erwachsenen. Der beförderte mich in den 2. Rang, also auf einen Kleiderschrank, direkt neben einen etwa gleichaltrigen Jungen. Der 1. Rang waren die Stehplätze hinter dem Parkett und im Parkett saßen die deutlich älteren Semester auf den Stühlen, die im ganzen Haus aufzutreiben waren.

Der Raum war etwa 28 m² groß und alle Plätze waren voll belegt oder richtiger überbelegt. Die Blicke aller Zuschauer richteten sich auf die etwa 32 cm große Bildschirmdiagonale eines „Rembrandt“, über den eine Woche zuvor noch im Radio von den „4 Brummers“ gelästert wurde: „Wenn beim Rembrandt mal der Rahmen brennt...“. Wir hofften alle sehr stark, dass das diesem „Rembrandt“ nicht passieren würde. Er hielt zumindest die in Frage kommenden 2 Stunden durch und diente dadurch dazu, dass ich mehrere Premieren an einem Tag erlebte.
  • Ich sah zum ersten Mal im Leben fern.
  • Ich sah zum ersten Mal ein Fußball-Länderspiel.
  • Ich sah zum ersten Mal, wie viel Menschen in so einen kleinen Raum passten – nein, sich einfach hineindrängten, solange das irgendwie ging.
Das Länderspiel hieß Ungarn gegen Deutschland und war das WM-Endspiel im Berner Wankdorf-Stadion. Nach 10 Minuten führte Ungarn 2:0 und im Raum wurde „berechnet“, um wie viel Tore die Ungarn ihr Vorrundenresultat (8:3) übertreffen würden. Genau in dieser 10. Minute wurden die Rechnungen das erste Mal korrigiert. Morlock erzielte das 1:2.

Nur 8 Minuten später glich Rahn zum 2:2 aus und ich kapierte, dass Fußball unberechenbar ist. Helmut Rahn, der in der 84. Minute „aus dem Hintergrund schießen könnte“, schoss und Deutschland wurde Weltmeister.

Nach dem ersten Jubeln nach dem Schlusspfiff brauchten wir alle dringend frische Luft. Der Dank an unsere Gastgeber war deshalb kurz und wir zogen jubelnd durch Benneckenstein in unsere Quartiere. Ich hatte den weitesten Weg, denn Onkel und Tante wohnten am nördlichen Rand von Benneckenstein. Bis zum Roten Platz (heute Max-Schmeling-Platz) wurde unser Rudel immer größer und die Hinzugekommenen wollten wissen, wie das nun genau war mit den Toren, was Turek alles gehalten hatte und wie Fernsehen und Fußball so zusammen passten und vieles mehr.

Ich glaube, es war auch der letzte Tag, an dem dem Rudel und damit auch mir ein Benneckensteiner Abschnittsbevollmächtigter (ABV) zugejubelt hat. Später wussten sie meistens: „Den Bengel bloß nicht ansprechen, der ist illegal hier, aber sag Du mal einem 12-jährigem Jungen, der bisher jede Schulferien bei Onkel und Tante verbrachte, dass er das aus politischen Gründen nicht mehr darf.“ Die DDR begann nämlich gerade, die Sperrzonen auszubauen und ich begann, darüber nachzudenken, wie ich auch ohne Passierschein („Zum Geburtstag von Onkel und Tante sicher möglich, aber doch nicht immer und ohne Grund schon gar nicht“, sagte man mir auf dem VPKA) zukünftig besuchen könnte.

Die kostengünstigste Variante war: Fahrkarte bis Eisfelder Talmühle kaufen, vor dem Aussteigen einschlafen und kurz vor Benneckenstein wieder erwachen. Und unauffällig benehmen natürlich. Als die Kräfte größer wurden, kam Mutters altes Fahrrad wieder zu Ruhm und Ehren und Vaters alte Wanderkarten mit nahezu jedem Waldweg in Richtung Benneckenstein.

Aber zurück zum Fußball: Ja, die Torpfosten waren viereckig und aus Holz. Sogar verletzte Spieler durften nicht ausgewechselt werden. Der Schiedsrichter hatte eine Pfeife, die Linienrichter je eine Fahne. Und wer was von einem VAR erzählte, musste mit einem „Was issen das?“ als Gegenfrage rechnen. Hohe Zäune zur Trennung der Fangruppen brauchte man nicht. Die Mannschaften reichten sich zum Schluss die Hände und Mitglieder der ungarischen und der deutschen Mannschaft trafen sich noch Jahrzehnte später meistens in Budapest zu persönlichen Treffen.

Man hatte als Schuljunge das Gefühl, „Deutschland, einig Vaterland“ war Wirklichkeit geworden. Man redete über Fußball, sonst nichts. Man redete über Herbert Zimmermann und seine eindrucksvolle Reportage, die durch die technischen Umstände praktisch überall verbreitet wurde. Es soll eine Fernsehreportage im Westen Deutschlands gegeben haben, gesprochen von einem Herrn Bernhard Ernst, die leider nicht aufgezeichnet wurde und ich habe bei Mitschülern und fußballinteressierten Nordhäusern keinen kennengelernt, der Auskünfte dazu geben konnte.

Wolfgang Hempel, der die DDR-Funk- und Fernsehreportage sprach, wurde bemitleidet. Er war ja praktisch dazu verpflichtet, zum ungarischen Brudervolk zu halten und soll dem Vernehmen nach sehr sachlich berichtet und kommentiert haben. Da erst 1953 der „Rembrandt“ in zunächst Kleinserie und 1954 in Massenproduktion hergestellt wurde, war Fernsehen noch das Stiefkind der DDR-Informationsketten.

Den Platz im 2. Rang hatte ich dem Onkel zu verdanken, der das schon am frühen Morgen für mich ausgehandelt hatte. Das brachte ihm 2 Probleme ein. Er musste die freudige Botschaft nach Nordhausen bringen und meinen Eltern klar machen, dass aus dem gemütlichen Abend am Radio nichts wurde. (Telefone waren für Private in der DDR eine Seltenheit.) Dennoch hörten wir alle den gleichen Reporter, denn der Fernsehton war damals noch der Rundfunkreporter, aber auch nicht aus dem „Rembrandt“ zu hören.

Denn die „geniale“ DDR-Idee, den OIRT-Standard (Bild-Ton-Abstand 6,5 MHz) einzuführen, brachte Rundfunkmechanikern, geübten Bastlern und schließlich auch mir ein deutlich verbessertes Taschengeld ein. (Diese Taschengeldaufbesserung wiederholte sich bei Einführung des ZDF und der unterschiedlichen Farbfernsehnormen in Ost und West.)

Die Gesamtgage der 54-er-WM-Spieler Deutschlands für den Titel betrug 2800 DM/Spieler aus verschiedenen Töpfen. Von verschiedenen Firmen gab es Sachpreise als Spende, wie eine Einbauküche und einen Kleinwagen. Ja, die Herren Nationalspieler hatten alle einen „anständigen“ Beruf und waren Amateure. Das trug entscheidend dazu bei, dass man sie als normale Menschen erkannte und liebte: „Mensch, der Rahn hat ja den gleichen Beruf wie ich.“ Irgendwie spürte auch ein Kind die Euphorie.

Und heute: Hat Gesamtdeutschland mit der Titelvergabe 2026 nichts mehr zu tun. Das allein wäre nicht schlimm, denn wenn ein Kind 1954 versteht, dass wer spielt auch verlieren kann, sollte das jedem Erwachsenen 2026 auch klar sein. In meinen heutigen Träumen stelle ich mir vor, ein Reporter wäre nach dem 2:1 für D in der Verlängerung eingeschlafen und hätte seinen Bericht und Kommentar nach dem Erwachen eiligst an seine Redaktion geschickt und das wäre gedruckt worden. Kein Wort von berechtigter Schiedsrichterschelte, Trainerentlassung, Forderung nach Spielerrücktritten usw.. Träume sind Schäume!

Oder einfacher: Stellen Sie sich vor, das Tor zum 2:1 wäre anerkannt worden und Deutschland würde jetzt im Achtelfinale gegen Frankreich spielen. Schließlich käme man bis ins Finale. Der Jubel wäre grenzenlos, der Trainer wäre der größte aller Zeiten. Das einfach nur, weil ein Zweikampf im Strafraum nach üblichem Recht behandelt worden wäre. Aber die FIFA hatte ja beschlossen, dass während der WM der Torwart den „Welpenschutz“ zurück erhält.

Einen VAR habe ich mir als kindlicher Gerechtigkeitsfanatiker eigentlich immer gewünscht. Wie es jedoch gehandhabt wird, ist erschreckend. Ein Spieler, der z.B. mit dem rechten Fuß ein Tor erzielt, muss mit dessen Annullierung rechnen, weil durch vor geneigten Oberkörper seine Stirn 5 cm im Abseits ist? Bitte legt sinnvolle Toleranzen fest. Ein Spieler muss sein Vergehen selbst erkennen können. Fußball darf nicht zu einer rein digitalen Strafermittlung verkommen.

Die eingeführten Regeländerungen sollten zurück genommen werden. Ein Spiel besteht aus 2 Halbzeiten und nicht aus 4 Vierteln. Schluss damit, jedem Werbeminütchen hinterher zu hecheln.

Ein Spiel nach fast 2 Stunden Wartezeit auf besseres Wetter fortzusetzen, ist auch nicht vorgesehen. Normalerweise soll der Schiedsrichter nach 30 Minuten Unterbrechung prüfen, ob in „absehbarer Zeit“ das Spiel fortgesetzt werden kann. Wenn nein, ist es abzubrechen. Ach ja, da ist das Gummi ja schon eingearbeitet.

Ein Foul im Strafraum erzeugt wieder ohne Wenn und Aber einen Elfmeter. Die ewigen Diskussionen zum Thema „Foul ja, aber reicht das für einen Elfmeter“ sind unklarer Schwachsinn. Für Handspiel im Strafraum gibt es verständliche Betrachtungen mit nachvollziehbaren Auslegungen.

Die letzten 6 Absätze habe ich mit meinem alten Schulfüller geschrieben. Muss ich mich jetzt dafür entschuldigen? Es ist doch eigentlich wirklich nichts passiert. Deutschland hat ein Fußballspiel verloren. 82 Millionen Bundestrainer hätten das natürlich ganz anders gemacht. Wenn ich als Schulkind ein Spiel verloren habe (Doppelkopf, Rommee, Canasta, zur Not mau-mau) und hätte dann so ein Geheul wie die enttäuschten Fußballfans angestimmt, wäre ich im ganzen Leben zu nichts anderem gekommen.
Jürgen Wiethoff
    
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