Wie sich die Ilfelder Kita Rappelkiste neu erfindet
Der Ilfelder Kindergarten "Rappelkiste" wird 80 Jahre alt und stellt sich in seinem Jubiläumsjahr noch einmal neu auf. Ab dem kommenden Kindergartenjahr wird die Einrichtung zur Naturkita. Und das sind die Gründe...
Seit sechs Jahren leitet Anna Müller die Kita "Rappelkiste" in Ilfeld. (Foto: ssc)Es wäre doch wirklich dumm, dieses Potenzial nicht zu nutzen, sagt Kitaleiterin Anna Müller. Der Wald liege in Ilfeld schließlich direkt vor der Haustür. Drei Kolleginnen lassen sich derzeit zu Waldpädagoginnen ausbilden, parallel dazu wird ein entsprechendes Konzept erarbeitet.
Wir werden mit unseren Kindern ab dem Spätsommer viel Zeit im Wald verbringen, sagt Müller. Das habe viele Vorteile. Neben dem großen Platzangebot gehe es auch um eine reizärmere Umgebung. Wir bemerken, dass viele Kinder immer schlechter zuhören können, so die Leiterin. Achtsamkeitsübungen gehören deshalb bereits jetzt zum Kita-Alltag und sollen künftig in der Natur weiter ausgebaut werden. Auch mathematische und sprachliche Fähigkeiten könnten im Wald spielerisch gefördert werden. Mit den Eltern befinde man sich bereits im Austausch darüber, was die neue Ausrichtung für die Familien bedeutet und welche Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen.
Wenn die Kinder fehlen
Die Neuausrichtung ist jedoch nicht nur pädagogisch motiviert. Die Kita Rappelkiste steht, wie alle Einrichtungen im Landkreis, vor den Folgen des demografischen Wandels. In Nordhausen wird bereits über die Schließung mehrerer Kindergärten gesprochen.
Das Team der Kita "Rappelkiste" in Ilfeld will sich und die Einrichtung im Jubiläumsjahr noch einmal neu erfinden. (Foto: ssc)85 Mädchen und Jungen werden derzeit in sieben Gruppen in der modernen Einrichtung in der Weidenstraße betreut. Zum Team gehören 16 Erzieherinnen und Erzieher. Im Sommer verlassen 30 Kinder die Kita in Richtung Schule, für den Herbst liegen bislang lediglich sechs Neuanmeldungen vor. Platz für weitere Kinder wäre also durchaus vorhanden.
Die sinkenden Kinderzahlen machen etwas mit den Kollegen, sagt Müller. Wurden noch vor rund zehn Jahren Erzieherinnen und Erzieher händeringend gesucht, müssen sich die Einrichtungen heute auf völlig veränderte Rahmenbedingungen einstellen. Dass alle Kindergärten im Landkreis vom Geburtenrückgang betroffen sind, zeigt auch die aktuelle Kitabedarfsplanung.
Eine weitere Maßnahme soll helfen, die Kinderzahlen zumindest einigermaßen stabil zu halten: Sowohl für die Kita in Ilfeld als auch für die Einrichtung in Niedersachswerfen wurde beim Thüringer Bildungsministerium beantragt, künftig auch Kinder unter einem Jahr betreuen zu dürfen. Die Zustimmung aus Erfurt steht allerdings noch aus. Wir hatten bisher dazu nur ganz wenige Nachfragen von Eltern, sagt Müller. Sollten jedoch Kürzungen beim Elterngeld kommen, wie zuletzt auf Bundesebene diskutiert wurde, könne sie sich vorstellen, dass der Bedarf an früher Betreuung steigt. Ich heiße diese Entwicklung nicht gut. Aber ich muss auch an meine Kolleginnen und Kollegen denken, sagt die 34-Jährige. Die Krippe in Ilfeld sei räumlich und konzeptionell darauf vorbereitet. Der Personalschlüssel bei so jungen Kindern liege bei drei Kindern pro Erzieherin.
Die Villa rechts war früher Kindergarten und bis 2024 auch noch einmal. (Foto: ssc)80 Jahre zwischen Aufbruch und Abschied
Dass die Einrichtung schon viele Veränderungen erlebt hat, zeigt ein Blick in die Chronik. Es gab schon immer Höhen und Tiefen und schwankende Kinderzahlen, sagt Müller. Und genau das beruhige sie auch.
Das erste Kapitel der Kinderbetreuung in Ilfeld begann 1946 in einer Holzbaracke. Das Gebäude stand dort, wo sich heute der Getränkemarkt des Ortes befindet. 72 Kinder wurden dort tagsüber betreut. Es war eher eine Aufbewahrung, sagt Müller. Mit einem heutigen Kindergarten habe das nichts mehr zu tun.
Zwischenzeitlich gab es sogar mehrere Einrichtungen im Ort. 1961 eröffnete in der Walther-Rathenau-Straße erstmals eine Krippe für Kinder bis drei Jahre, während die älteren Kinder den Kindergarten in der Weidenstraße besuchten. Weil die Zahl der Kinder weiter anstieg, wurde 1986 ein zweiter Kindergarten in der Karl-Liebknecht-Straße eröffnet.
Nach der Wende kehrte sich die Entwicklung um. Der Geburtenrückgang führte dazu, dass alle Ilfelder Kindereinrichtungen 1991 am heutigen Standort in der Weidenstraße zusammengeführt wurden. Als die Plätze später erneut knapp wurden, wurde die Einrichtung zwischen 2011 und 2013 erweitert und modernisiert. Zeitweise wurden auch in der benachbarten Villa Kinder betreut, bis 2024. Dann machte erneut der demografische Wandel eine Konzentration notwendig.
Nun steht die nächste Veränderung an. Im Jubiläumsjahr wagt die Kita Rappelkiste einen Neustart und setzt auf die Naturpädagogik. Nach 80 Jahren ist die Geschichte des Ilfelder Kindergartens damit längst nicht zu Ende erzählt.
Jubiläum mit Blick nach vorn
Gefeiert wird das Jubiläum bereits in dieser Woche: Am Donnerstag sind ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingeladen. Die Kinder präsentieren ein buntes Programm, das durch die Jahrzehnte der Einrichtungsgeschichte führt. Einen Tag später steigt das große Kitafest. "Bei der Organisation hat uns unser Förderverein sehr kräftig unterstützt, dafür sage ich danke", so Müller. Susanne Schedwill