Landratsamt und Unternehmer begrüßen gute Entwicklung am Arbeitsmarkt
Lichtblicke in Zeiten der Trübsal
Die große Nachrichtenlage gibt in letzter Zeit eher wenig Anlass für Freude, in der Entwicklung am Arbeitsmarkt in Nordthüringen im Allgemeinen und in Nordhausen im Speziellen sehen Politik und Wirtschaft aber immerhin einen Lichtblick. Zu den Zahlen, der Jugendarbeitslosigkeit und der Integration Zugewanderter Arbeitskräfte informierte man am Nachmittag im Landratsamt…
Lichtstreifen am dunklen Horizont - Symbolbild (Foto: 5hashank/pixabay.com)
Wirtschaft hat ein wenig auch mit Psychologie zu tun. Wenn alles schlecht geredet wird, dann wird es auch schlechter. In den vergangenen Monaten haben wir meist negative Nachrichten lesen müssen, umso besser ist es, heute einmal positive Nachrichten herauszustellen, mein Nils Neu, der Vorsitzende des Nordthüringer Unternehmerverbandes am Nachmittag im kleinen Plenarsaal des Landkreises.
Eingeladen hatte der Hausherr, Matthias Jendricke, Lichtblicke müsse man nach außen tragen, meint auch er, die konkreten Strahlen der Hoffnung kamen vergangene Woche in Form des Berichtes zur Entwicklung am Arbeitsmarkt.
Die Zahlen
Die frohe Kunde fußt auf einem ansehnlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit in den vier Nordthüringer Kreisen, allen voran in Nordhausen. Hier zählte man im vergangenen Monat 3.153 Arbeitslose, ein Rückgang von 7,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Für den gesamten Norden regisitrierte man einen Rückgang von 9,3 Prozent.
Besonderes Augenmerk legte Jendricke auf die Zahlen des Jobcenters, das sich mit den Mitbürgern befasst, die das sogenannte Bürgergeld beziehen. Hier wurde im Mai für Nordhausen ein Rückgang um 237 Personen oder knapp zehn Prozent vermerkt. Weiter aufgeschlüsselt zeigt sich ein Rückgang von:
52 Fällen im Alter über 50 Jahre (-7,4 Prozent),
128 Fällen unter Ausländern (-18,1 Prozent)
und 45 Fällen im Bereich unter 25 Jahre (- 17,4 Prozent)
Die Zahlen spiegeln ein positives Umfeld wider, dass durch die Arbeit beim Jobcenter und durch die Wirtschaft geschaffen wurde. Dahinter stehen viele Menschen, die es schaffen, mit der schwierigen Situation gut umzugehen, das hat dazu geführt, dass wir als Region gegen den allgemeinen Trend stehen, sagte Jendricke. Wirtschaftlich sei man breit aufgestellt und hänge nicht an einzelnen, großen "Clustern". Anhaltend schwierige Trends in einzelnen Bereichen der Wirtschaft, etwa der Automobilindustrie, träfen die Region deswegen weniger hart.
Die Klingelpartie
Besonderes Augenmerk legt man im Landratsamt auf die Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit. Im November vergangenen Jahres hatte eine der beim Jobcenter üblichen Aktivierungsmaßnahmen durch die personelle Verstärkung durch den Vollzugsdienst des Landratsamtes bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Mitarbeiter in Uniform standen frühmorgens vor der Tür der jungen Bürgergeldbezieher um diese zur Teilnahme zu bewegen. Hüben wurde die neue Härte begrüßt, drüben war da die Rede, von Zwangsarbeit, Herangehensweise und Wirksamkeit wurden in Frage gestellt, es hagelte Lob und Kritik gleichermaßen.
Der Blick auf die Zahlen scheint dem Landrat nun recht zu geben, im Nordthüringer Vergleich ist Jugendarbeitslosigkeit allein in Nordhausen zurückgegangen und das deutlich, bei den Nachbarn zeigen die Balkendiagramme in die entgegengesetzte Richtung. Diesen Trend habe man schon im März und April wie nun auch im Mai registriert, so Jendricke.
Jugendarbeitslosigkeit in Nordthüringen (Foto: Pressestelle Landratsamt)
Im Mai bezogen im Kreis Nordhausen 213 Personen unter 25 Jahren Bürgergeld, im vergangenen Jahr lag die Zahl noch bei 258, in 2024 bei 259 Personen. In Prozent bedeutet das ein Minus von 14,6 Punkten in Nordhausen, im Unstrut-Hainich-Kreis stieg die Jugendarbeitslosigkeit zum Vergleich um etwa 18 Prozent, im Kyffhäuserkreis waren es 3,4 und im Eichsfeld 8,9 Prozent.
Lag es an der Klingelpartie? Koinzidenz muss nicht Kausalität bedeuten, aber etwas läuft bei den Nordhäusern unbestreitbar anders, wobei die Zahlen für die eigentliche Maßnahme nicht unbedingt überwältigend aussehen:
68 Teilnehmer wurden angesprochen,
36 reagierten mit Ablehnung,
6 wurden in Beschäftigung gebracht,
10 werden als Arbeitsunfähig, 2 als Erwerbsunfähig eingeschätzt,
14 wurden in weitere in Maßnahmen wie Arbeitsgelegenheiten oder Praktika vermittelt
8 Personen erhalten keine gar keine Leistung mehr
Sanktionen in variabler Höhe wurden gegen 26 Personen verhängt, in einem Fall wurde die Höchstmarke von 30 Prozent Leisungskürzung erreicht
Die positive Entwicklung in der Jugendarbeitslosigkeit führt Jendricke auch darauf zurück, dass die neue Herangehensweise nicht nur bei den Teilnehmern selbst, sondern auch darüber hinaus Wirkung gezeigt habe Da wird sich schon der eine oder andere gesagt haben: ich suche mir lieber was, ehe der Vollzugsdienst jeden Morgen bei mir vor der Tür steht, sagte der Landrat heute und ähnlich sieht man die Sache beim Jobcenter. Die direkte Ansprache habe sich bewährt, einige Kunden der Agentur seien von sich aus aktiver geworden, berichtet Karin Schierwater, die den Sektor Arbeitsmarktintegration leitet. Vor allem im Bereich der Helfertätigkeiten und bei der Unterstützung im Bau habe man mehr Aktivität gesehen, mancher habe Angebote wahrscheinlich schneller angenommen.
In der Maßnahme selbst habe man individuell auf die Kunden geblickt und bei Verweigerung darauf geachtet, ob es sich um tatsächliche Erkrankung oder Absentismus handelte. Wir haben da den Daumen drauf, es wird genau geschaut und geprüft und entsprechend den Möglichkeiten des Gesetzes gehandelt, sagte Schierwater. Auch finanziell lohne der Aufwand, jede Person, die das Sozialsystem hinter sich lasse und den Weg auf den Arbeitsmarkt findet, sei ein Gewinn und entlaste auch den Kreishaushalt spürbar. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit im Bereich SGB II, also bei Bürgergeld und demnächst Grundsicherung, bedeute für die Gemeindefinanzen Entlastungen in Millionenhöhe, so Jendricke.
Es geht weiter
Ende April lief die umstrittene Maßnahme erst einmal aus, die nächste Runde befindet sich aber in Vorbereitung und soll nicht mehr allein die Jugendlichen sondern weitere Gruppen in den Fokus nehmen. Im Sommer soll der Altersbereich bis zu 40 Jahren ausgeweitet werden und die Zahl der Teilnehmer auf 40 begrenzt werden. Ansprechen werde man besondere Härtefälle, das weitere Vorgehen bleibt das gleiche: zwei Wochen lang steht der Vollzugsdienst mit den Kollegen aus dem Jobcenter vor der Tür und bittet um die Teilnahme. Bei Personen mit schweren Vermittlungshemmnissen wird man wieder auf die Zusammenarbeit mit dem Horizont Verein und dessen Werkstatt in Bleicherode zurückgreifen. Wird die Zusammenarbeit verweigert, greifen Sanktionen, die mit der Reform des Bürgergeldes hin zur Grundsicherung ab kommenden Monat straffer ausfallen können als bisher.
Wir wollen niemanden ärgern. Aber wir müssen deutlich machen, dass die Zeit, in der man sich auf das Sofa zurückziehen konnte, vorbei ist. Die Aktivierungsmaßnahmen sollen sinnstiftende Arbeit bieten und wo Einschränkungen bestehen, kann man reden wie es anders geht., sagt der Landrat, wer sich hingegen dem System verweigere, der müsse auch die rechtlichen Konsequenzen erfahren. Die direkte Ansprache an der Haustür sollte Schule machen, so Jendricke weiter, eigentlich bräuchte jede Arbeitsagentur zwei Mitarbeiter in Uniform, die auf Klingelpartie gehen.
Mehr Ukrainer in Arbeit
Die dritte gute Nachricht, die man beleuchten wollte, betraf die Integration ausländischer Arbeitskräfte auf dem Nordthüringer Arbeitsmarkt, allen voran die der Ukrainer.
Hier mischt sich Licht mit Schatten, denn dem Zuwachs der Beschäftigung und der damit einhergehenden Entlastung der Sozialsysteme steht der vor allem demografisch bedingte Rückgang der einheimischen Arbeitskraft gegenüber.
Der Nordhäuser Kreis ist bereits seit einiger Zeit unter die Marke von rund 30.000 Beschäftigten gerutscht, im vergangenen Jahr lag man bei 28.920 Erwerbstätigen. Davon sind 26.744 Deutsche, ein Anteil von 92,5 Prozent dem 2.176 ausländische Arbeitskräfte entgegen stehen. Die Zahl der deutschen Erwerbstätigen nahm im vergangenen Jahr um 557 Personen ab, das ist die schlechte Nachricht. Die der zugewanderten Arbeitskräfte nahm hingegen um 172 zu, der besagte, kleine Lichtblick.
Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung von Ukrainern in Nordthüringen (Foto: Pressestelle Landratsamt)
Das man zusätzliche Arbeitskräfte braucht, darüber ist man sich in Politik und Wirtschaft einig und gerade mit den ukrainischen Geflüchteten scheint man im Kreis den richtigen Weg zu gehen, denn auch hier heben sich die Nordhäuser Zahlen von denen der Nachbarn deutlich ab. Aktuell befinden sich 422 Ukrainer in Sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung, darunter:
184 Personen die Helfertätigkeiten ausüben
138 die als Fachkraft angestellt sind
sowie 70 Experten, sprich Personen mit anerkanntem Hochschulabschluss, die als Ärzte oder ähnliches arbeiten
Es verbleibt ein Potential von 720 Arbeitskräften, das noch nicht angezapft wurde, aber auch hier will man die Entwicklung forcieren. Eines muss da klar werden. Einfach zurückkehren, wenn der Krieg vorbei ist und da weitermachen, wo man aufgehört hat, dass wird nicht funktionieren. Insbesondere nicht für die Männer. Und wir wollen diese Menschen auch nicht verlieren, wir brauchen sie. Gehen muss also keiner. Aber es muss gearbeitet werden. Das ist es, was uns alle voranbringt, unterstrich Jendricke. Insgesamt sei die Entwicklung positiv, sekundiert das Jobcenter, die Wartezeiten für Sprachkruse werden kürzer und die Anerkennung von Abschlüssen geht zügiger voran als früher.
Gerade mit den Ukrainerin, aber auch mit Arbeitskräften auf Vietnam, Georgien und der Mongolei habe man im Verband gute Erfahrungen gemacht, berichtet NUV-Chef Nils Neu. Im eigenen Betrieb beschäftigt der Unternehmer vier Ukrainer und die Integration habe Dank der Hilfe durch das Jobcenter und den direkten Kontakt via Dolmetscher gut geklappt. Selbstverständlich sei das nicht, mit Personen aus anderen Kulturkreisen und Ländern, etwa Marokko, seien die Versuche schwieriger verlaufen. Wenn man in den Betrieb kommt und die Kolleginnen nicht begrüßt weil sie Frauen sind, dann geht das einfach nicht. So etwas muss man offen ansprechen und diskutieren." Probleme aufzeigen, Positives herausstellen. So komme man weiter, sagt Neu, denn wie in der Wirtschaft so spielt auch in der Gesellschaft die Psychologie ihre Rolle im Empfinden der Realität. Angelo Glashagel