BETRACHTET:

Der Tod der Schneitel-Hainbuchen

Prof. Dr. Andreas Roloff von der TU Dresden schuf das Konzept der Nationalerbe-Bäume, auf Grund dessen Bundesumweltminister Schneider die Flehmüller-Eiche am 5. Juni in Krimderode küren soll. Der Wissenschaftler äußerte sich aber auch zur Vernichtung von mehr als hundert „Schneitelbuchen“ im Landkreis Nordhausen. – Zumindest geduldet von der Unteren Naturschutzbehörde. Bodo Schwarzberg über seine Recherche...

Bild: Totgeschneitelt: Abgestorbene "Schneitelbuchen" bei Krimderode im Naturschutzgebiet Rüdigsdorfer Schweiz (2021).
Totgeschneitelt: Abgestorbene "Schneitelbuchen" bei Krimderode im Naturschutzgebiet Rüdigsdorfer Schweiz (2021) Foto: Bodo Schwarzberg

„Abgestorbene Schneitelbuchen sind ideale Fledermausquartiere.“ – Dieser Satz in der Broschüre „Gipskarst Südharz“, 2023 herausgegeben vom Landschaftspflegeverband Südharz-Kyffhäuser wirft Fragen auf: Denn die betreffenden Bäume im Naturschutz- und Flora-Fauna-Habitat-Gebiet Rüdigsdorfer Schweiz-Harzfelder Holz-Hasenwinkel hätten gar nicht absterben sollen. Vielmehr wurden sie mit behördlicher Genehmigung bzw. deren Wissen umgebracht.

Rückblick: Im Dezember 2008 wurden laut einem nnz-Artikel am 14.09.2009 an drei Standorten mehrere Dutzend alte Hainbuchen, bis auf den Stamm zahlreiche zum Teil beinstarke Äste abgesägt, zunächst von 35 Exemplaren. Weitere folgten.

Initiator dafür war die Naturparkverwaltung Südharz, und die Untere Naturschutzbehörde sowie die Waldeigentümer zeigten sich einverstanden, die Schneitelwirtschaft als historische Waldnutzung wiederzubeleben. Bei dieser werden von austriebsfreudigen Baumarten wie Weiden, Hasel und Hainbuche im Abstand mehrerer Jahre die nachgewachsenen Äste entfernt, um diese für verschiedene Zwecke, zum Beispiel zur Brennholzgewinnung, zu nutzen.

Laut nnz-Artikel vom 14.09.2009 begutachteten André Richter vom Naturpark und Rolf Schiffler von der Unteren Naturschutzbehörde den Erfolg der 10 Monate zuvor erfolgten Schneitelung am Standort Rüdigsdorfer Schweiz in der Nähe von Krimderode: „Der Anblick überzeugt die beiden: Fast alle Bäume haben schon wieder kräftig ausgetrieben.“ Und: „Nun suchen sie gemeinsam mit Landschaftspfleger Axel Becker an jedem der drei Standorte die nächsten gut 20 Kandidaten aus.“

Das hätte besser nicht geschehen sollen: Denn was sie offenbar nicht wussten: Die bereits 35 geschneitelten und die neuen 20 für eine ebensolche Bearbeitung ausersehenen Bäume hatten sie mit dieser Entscheidung überwiegend dem Tode geweiht:

In den Jahren nach der wieder aufgenommenen forstlichen Maßnahme nahm die Vitalität der Bäume sichtbar ab, 2023 waren an den drei Standorten der alten Hainbuchen kaum noch lebende Exemplare vorhanden, rund 120 Bäume waren insgesamt geschneitelt worden. Ende 2023 zeigten von diesen nach eigener Sichtung 65 Exemplare keine Lebenszeichen wie frisch gewachsene Triebe mehr. Noch lebende wiesen meist starke Rindenschäden und Pilzbefall auf. Auch sie befanden sich im Prozess des Absterbens.

Zuerst wurde ich auf das abnehmende Grün der alten Hainbuchen am Karstwanderweg in der Rüdigsdorfer Schweiz nordwestlich des Kalkbergs aufmerksam. Ich recherchierte die beiden anderen Stellen im Landkreis, an denen ebenso verfahren worden war und fand sogar noch eine vierte: Abgestorbene oder schwer geschädigte, geschneitelte Hainbuchen befinden sich demnach auch nördlich von Petersdorf am Rande des Harzfelder Holzes, zwischen Ilfeld und Appenrode auf dem Espenberg und auch nordwestlich von Woffleben am Südost-Abfall des Ellricher Kammerforsts südlich Hoher Stieg. Insgesamt starben wohl rund 120 Bäume ab, oder wurden schwer geschädigt, mit mehrfachem behördlichen Segen, glaubt man dem nnz-Beitrag von 2009, nach dem „ …die Schneitelwirtschaft nun gemeinsam mit der Unteren Naturschutzbehörde und in Absprache mit den Waldeigentümern und dem Forstamt wieder belebt“ wird.

Das für die eventuell mehr als 100 Jahre alten Bäume Tragische daran ist, dass weder der initiierende Naturpark noch die offenbar genehmigenden bzw. eingeweihten Behörden UNB und Forstamt wussten, dass sie eine tödliche Naturschutzmaßnahme initiierten, genehmigten und durchführten.

Nach der Beobachtung so vieler abgestorbener Bäume nahm ich Kontakt mit dem bereits erwähnten Prof. Dr. Andreas Roloff von der TU Dresden auf. Er war von 1994 bis 2022 Lehrstuhlinhaber und ist heute Seniorprofessor für Baumbiologie. Mich interessierte seine Einschätzung der Maßnahme, denn dass an gleich vier Stellen fast alle geschneitelten Hainbuchen abstarben, musste eine gemeinsame Ursache haben.

Am 25.03.2021 schrieb mir Professor Roloff folgendes:
„Das ist tatsächlich extrem interessant, beeindruckend und bestürzend: denn beim Wiederstarten des Schneitelns nach längerer Pause (wie lange?) sind die entstehenden Schnittflächen für die schlecht abschottende Baumart Hainbuche zu groß, viel zu groß: mit der Folge von massivem Fäulebefall und Embolien (Lufteintritt in den Stamm bzw. Äste). Ich hätte das auch erwartet, aber habe es noch nie so krass gesehen. Um es zu überprüfen, könnte man die Größe (den Durchmesser) der Schnittflächen mit den Reaktionen der Hainbuchen vergleichen: je größer desto schlimmer müsste es sein.“

Nach seiner Angabe hätte der Durchmesser der zu schneitelnde Äste maximal 5 Zentimeter betragen dürfen, aber nicht, wie geschehen, 15, 20 oder mehr.

Zugegeben: Auch ich hatte die UNB vor Jahren zur Wiederaufnahme der Schneitelung gedrängt und Selbige erst durch das Absterben der Hainbuchen kritisch zu hinterfragen begonnen. Aber ich bin Botaniker und kein verantwortlicher Mitarbeiter einer Forst- oder Naturschutzbehörde oder eines Naturparks, sondern unabhängig ehrenamtlich tätig. Die Verantwortlichen hätten die fatalen Folgen ihrer Entscheidung kennen müssen. Doch auf Anfrage bestätigte mir Herr Apel von der Forstbehörde Bleicherode Südharz (mit Erlaubnis der Veröffentlichung) im März 2021 die Aussage des Forstprofessors:

Demnach „ resultieren die Schwächung und die Absterbeerscheinungen…auf plötzlichem Schneiteln nach jahrzehntelangem ungestörtem Wachstum (Schocksituation/Stress/Sonnenbrand), dem hohen Alter der Bäume (geminderte Vitalität) und auf der extremen Trockenperiode haupts. 2018/2019 aber auch 2020 (Wassermangel). Durch die genannten Punkte haben dann natürlich Pilze leichtes Spiel um die Bäume noch mehr zu schwächen bzw. zum Absterben zu bringen.“

Für mich erhebt sich hier die Frage, was das Forstamt von den Maßnahmen wirklich wusste und wie stark es in die Maßnahmen eingebunden war: In einer Mail wurde ich seitens des Forstamtes bezüglich Schneitel-Hainbuchen an André Richter vom Naturpark Südharz verwiesen: Er könne mir mit Sicherheit weiterhelfen. Herr Richter schlug mir 2021 und 2023 Vorort-Termine vor, die ich aber nicht wahrnehmen wollte. Diese Termine hätten am Zustand der Schneitel-Hainbuchen ja nichts geändert.

Fragwürdig ist auch, warum der Landschaftspflegeverband Südharz-Kyffhäuser in seiner oben erwähnten Broschüre zu seinem Millionen Euro teuren Hotspot-Projekt mit keinem Wort auf das so nicht vorgesehene Absterben der „Schneitelbuchen“ in der Rüdigsdorfer Schweiz eingeht, zumal an den toten Bäumen eine zum gegebenen Zustand recht widersprüchlich erscheinende Infotafel auf das Schneiteln hinweist. Die Broschüre erschien 2023. Bereits 2021 aber informierte ich die Behörden und auch den Landschaftspflegeverband zu diesem Thema. Oder habe ich etwas übersehen?

Es erhebt sich die Frage, wie nun weiter zu verfahren ist: Werden die Zuständigen für das fahrlässig verursachte Absterben Dutzender alter Hainbuchen zur Verantwortung gezogen? Bußgelder, zum Beispiel für Privatleute, sollen in Thüringen hierfür bis zu 50.000 Euro oder gar mehr betragen können. Dies sollte auch in diesem Falle geprüft werden.

Zumindest aber sollten alle abgestorbenen Schneitel-Hainbuchen sehr schnell durch junge Hainbuchen ersetzt und mit dem Schneiteln von vorn begonnen werden. Am Standort Rüdigsdorfer Schweiz zumindest fördert man gerade junge Hainbuchen neben den toten: Laut Professor Roloff sollten die jungen Bäume für das erste Schneiteln ca. 3-4 Meter hoch sein. Geschneitelt werden sollte mindestens aller 2 Jahre.

Naturschutzbehörde, Forstamt und Naturparkverantwortliche können sich hierzu ja gern bei Professor Roloff zur Weihung der Fleh-Müller-Eiche zum Nationalerbebaum am 5. Juni fachlichen Rat holen, auch übrigens zur nationalerbebaumgerechten Pflege der alten Eiche, bei der ja um 2012 ihr wohl stärkster Ast trotz Information an die Naturschutzbehörde, abbrach.

Herr Professor Roloff wird von mir im Vorfeld des Termins am 5. Juni ebenso kontaktiert werden, wie das Bundesumweltministerium. Vielleicht ergibt sich ja eine gemeinsame Begehung der abgestorbenen Schneitel-Hainbuchen in der nahen Rüdigsdorfer Schweiz?
Bodo Schwarzberg