Chronik wird fortgeschrieben

Neue Nordhäuser Geschichte

Die Stadt Nordhausen blickt auf eine lange und bewegte Geschichte zurück. Doch vieles läge heute im Dunkeln, hätte es nicht immer wieder engagierte Bürger gegeben, die die Chronik der Ereignisse niederschrieben. Vor dem großen Stadtjubiläum im kommenden Jahr wird am nächsten Kapitel der Stadtgeschichte gearbeitet und es gibt viel zu erzählen…

Thomas Müller arbeitet an der Fortsetzung der Nordhäuser Stadtchronik (Foto: agl) Thomas Müller arbeitet an der Fortsetzung der Nordhäuser Stadtchronik (Foto: agl)

1.100 Jahre alt wird Nordhausen im April kommenden Jahres. Eine stolze Zahl und eine lange Zeit über die wir - Feuer, Verheerung, Krieg und der unausweichlichen Entropie der Erinnerung zum Trotze - recht gut Bescheid wissen. Zu verdanken haben wir diesen Umstand einer ganzen Reihe an regen Geistern, die versucht haben, dass Wissen um das Vergangene zu erhalten, zu erweitern und zu verbreiten.

Die erste, geordnete Chronik legt Friedrich Christian Lesser um 1740 nieder, Ernst Günther Förstemann schreibt sie ein Jahrhundert später fort, Karl Meyer vertieft sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Dr. Hans Silberborth fasst sie im „1000jährigen Nordhausen“ 1927, pünktlich zum Stadtjubiläum, zusammen. Peter Kuhlbrodt et al. nehmen die Feder 2003 auf und schreiben die Geschichte bis zum Jahr 1989 fort. Ungenannt aber nicht unerwähnt müssen hier unzählige historisch Interessierte Nordhäuserinnen und Nordhäuser sein, die mit Akribie und Leidenschaft an der Stadtgeschichte geforscht haben und dem großen Puzzle viele Teile hinzufügen konnten, etwa über Beiträge in der bekannten „Gelben Reihe“ und anderen Publikationen.

Das nächste Kapitel
Bis zum nächsten, runden Jubiläum fehlen noch fast vierzig Jahre Nordhäuser Geschehen. Bewegte Jahre voller Veränderung, die für viele zur noch zur eigenen, erlebten Zeitgeschichte gehören aber in ihrer Vielschichtigkeit bereits verblassen. Das Geschehen ab 1989 für die Nachwelt festzuhalten hat sich nun Thomas Müller zur Aufgabe gemacht. „Unser Stadtarchivar Dr. Theilemann ist mit der Idee schon vor fünf Jahren an mich herangetreten und ich habe natürlich zugesagt. Das ist für mich auch eine große Ehre. Dank des Buches zur Geschichte der Wende kannte ich mich in den frühen 90er Jahren schon ganz gut aus und wir konnten auf die Vorarbeit von Frau Dr. Cornelia Klose und Manuela Schmidt aus dem Archiv aufbauen, aber wie viel Arbeit es dann doch sein würde, damit habe ich am Anfang nicht gerechnet“, erzählt Müller im Schatten des Hofes der Traditionsbrennerei.

Müller ist hier Museumsleiter, war viele Jahre Nordhäuser Journalist, engagiert sich als Stadtführer und hat ein gutes Dutzend Bücher zu diversen Themen verfasst. Von dieser hohen Warte aus hat er einen guten Ausblick über das Zeitgeschehen der letzten Jahrzehnte, sieht aber als Historiker auch die eigenen Begrenzungen. „Man hat natürlich vieles mitbekommen aber eben nicht alles und muss die eigenen Scheuklappen ablegen. Zum Bereich Sport musste ich zum Beispiel viel nachrecherchieren und telefonieren an anderer Stelle musste ich selber erst einmal sehen, was sich getan hat, etwa rund um die Schöne Aussicht in Nord und der „Hanglandschaft“. Hinzu kommt, dass die Erinnerung zum Teil bereits verblasst. Man verklärt das eigene Geschichtsempfinden, ist sich nicht mehr sicher was wann genau war oder wer dabei war, was gesagt und getan wurde und mancher verlegt Ereignisse, die eigentlich viel später stattgefunden haben, in frühere Jahre. Gerade die 90er Jahre sind deswegen heute schon mit den Mitteln der historischen Recherche zu betrachten und eigentlich nicht mehr Teil der Gegenwart, sondern der Geschichte.“, sagt Müller.

Anderthalb Jahre lang wurden alle vorhandenen Daten gegengeprüft, seitdem heißt es recherchieren, redigieren, korrigieren, fortführen. Um der Masse des Themas gerecht zu werden, habe man ein „Netz“ über das Geschehen seit 1989 gelegt, jeden Quadranten gesondert betrachtet und dann in weiteren Verästelungen ausdifferenziert, erläutert Müller. Zum Quadranten Kultur gehören dann etwa das Theater und die Museen aber auch das Kino, die Vereine oder die Chöre. Beim Sport muss Abseits der Schlagzeilen in der Tageszeitung nicht allein auf „Wacker“ geblickt werden, sondern auch auf die anderen Akteure, über die weniger geschrieben wurde. Gleiches gilt für die Bereiche Wirtschaft, Medizin, Bildung, Politik, Baugeschehen, etc., etc.

Chronik im eigentlichen Sinn
Ziel des Unterfangens ist eine Gesamtbetrachtung, keine Einzelfallbetrachtung, sagt Müller, das Netz soll breit geworfen werden und am Ende eine Chronik im eigentlichen Sinne stehen: Was hat sich in Nordhausen zugetragen, von Jahr zu Jahr, Monat zu Monat, Woche zu Woche oder, wenn es die Geschehnisse nötig machen, auch von Tag zu Tag. „Das ist einer der größeren Unterschiede zu den bisherigen „Chroniken“. Man hat sich der Geschichte da vielfach thematisch genähert, größere Themenblöcke verarbeitet, hat eingeordnet, erläutert und ist weniger im strengen Sinn einer Chronik vorgegangen. Das soll hier anders werden. Niedergeschrieben wird der Fakt, was ist geschehen, Ergänzungen wollen wir auf einem Minimum halten. Außerdem wird ein Personen- und Sachregister erstellt, das hat es so bisher auch nicht gegeben. Außerdem wollen wir die Geburts- und Sterbestatistik, die beliebtesten Vornamen für jedes Jahr und eine Auflistung der Bombenfunde anfügen.“ Im Umfang bleibt man dabei in der Kernstadt - hier steht das Jubiläum an und die Ortsteile, die heute zur Stadt gehören, haben ihre eigenen, mitunter sehr lange Geschichte und ihre eigenen Chroniken.

Die gewählte Form sichert ein Maß an Neutralität in der Darstellung, völlig frei von der Hand der Verfasser kann aber kein historisches Werk entstehen. Auch Thomas Müller muss auswählen, was es wert ist, niedergeschrieben zu werden und was man vielleicht kürzen muss. „Aktuell bin ich bei einem Dokument von 300 A4 Seiten und da wurde noch kein Bildmaterial eingearbeitet. Es dürfte also ein recht dickes Buch werden. Es ist gut möglich, dass man an der einen oder anderen Stelle noch kürzen muss, auch wenn es schwerfällt. Die Grundüberlegung orientiert sich an der Frage, was für die Nachwelt von Interesse sein könnte und was historisch wirksam war. Man kann nicht jeden Abbruch eines Einfamilienhauses erwähnen, große Eingriffe wie etwa der Abriss der alten Malzfabrik für den Bau der Südharz-Galerie dürfen aber nicht fehlen. Der erste „Supermarkt“ in Nordhausen - der Fritz Markt auf dem August-Bebel-Platz, gehört zum Beispiel auch dazu. Der Zeltbau hatte zwar nicht lange Bestand, war aber Stadtgespräch und ein Zeichen der Zeit.“, erläutert Müller. Bei der Recherche hilft natürlich das Stadtarchiv und der Blick in die Tageszeitung. „Das hat aber auch seine Tücken. Ein Datum der Veröffentlichung ist nicht zwingend mit dem Datum des Geschehens gleichzusetzen, bei der Tageszeitung kann zwischen Ereignis und Artikel bis zu einer Woche liegen. Ab dem Jahr 2000 wurde es dann leichter, da kommt die nnz dazu und das digitale Archiv war für den Abgleich eine große Hilfe“, sagt Thomas Müller.

Der Stadtumbau von den Rändern hinein ins Zentrum nach 1990, der Strukturwandel in der Wirtschaft, der Verlust oder Erhalt von „Traditionsbetrieben“ und prominente Tode, die Zeit der „Gipsproteste“, Ruhe und Aufruhr im „politischen Nordhausen“, der Wandel, den die Landesgartenschau mit sich bringt - die letzten Jahrzehnte waren reich an Geschehen und Veränderungen. „Die Transformationsprozesse waren enorm. Von 30 Bäckern hin zu zehn Spielhallen, wenn man es überspitzen möchte. Aber wenn ich zum Beispiel auf die Straße in Salza blicke, in der ich groß geworden bin, dann ist da kein Stein auf dem anderen geblieben. Wir stehen jetzt an dem Endpunkt dieser Entwicklung und vor dem Anfang der nächsten Wandlungsphase. Die Städte werden ihr Gesicht wieder grundlegend ändern, auch Nordhausen“, so der Chronist. Neben Müller sind auch Archivarin Schmidt und Michael Schütze maßgeblich an der Entstehung der neuen Chronik beteiligt, zusätzlich kann man sich auf die Zuarbeit zahlreicher Zeitzeugen, Beteiligter und Leute vom jeweiligen Fach stützten, denen allen zu danken sein wird, so die Arbeit denn einmal vollbracht ist. Aktuell ist man dabei, das Bildmaterial zu sichten, insgesamt liege man gut im Zeitplan, meint Müller. Wenn das so bleibt, dann wird die neue Nordhäuser Chronik in einer Auflage von 800 Exemplaren im Laufe des Frühjahrs 2027 erscheinen.
Angelo Glashagel