Geschichte aus Bleicherode

Rothenberg: Vergessen und wiederentdeckt

Über den 1908 zum Ehrenbürger von Bleicherode ernannten Webereifabrikanten (Schönheims Wwe.) und Kommunalpolitiker Samuel Rothenberg (1844–1935) wurde ab 1933 geschwiegen, aber auch in der DDR-Zeit. Dann war er vergessen...

Die 1923 eingereichte Dissertation des späteren Privatbankiers Dr. Frühberg über die Webereigeschichte der Grafschaft Hohenstein war in dieser Zeit ebenfalls kein Thema, obwohl sie dieses Thema erstmals gründlich darstellte. Auch H. J. Diedrich erwähnt sie nicht in seiner 1955 im „Heimatboten“ publizierten Textilgeschichte.

Zum Glück befand sich in der Alten Kanzlei nach 2007 ein Entwurf dieser Arbeit in einer Vitrine, dessen Herkunft unklar ist. Das alles ist nun Vergangenheit: In der Dokumentation „Geschichte der jüdischen Gemeinde von Bleicherode“ in der Alten Kanzlei erhielt Rothenberg eine Ehrenbildplatte. Der Förderverein Alte Kanzlei erhielt von der Universitätsbibliothek Gießen einen Digitalausdruck des Originals der mit Schreibmaschine geschriebenen Gießener Dissertation. Nunmehr ist er in der Vitrine zu sehen.

Zu diesem Ergebnis führten hartnäckige Nachforschungen, die von Rothenberg leider nur ein grobes Bild vermitteln.

Samuel Rothenberg: Ein vergessener Ehrenbürger
Die 1943 eingestellte, in Archiven noch zu findende „Bleicheröder Zeitung“ berichtete natürlich über das kommunale Geschehen: 1902 feierte der aus dem Dorf Arholzen/Solling stammende Fabrikant und Stadtverordnetenvorsteher Samuel Rothenberg sein 25-jähriges Jubiläum als Stadtverordneter.

Der erfolgreiche Unternehmer spendete 1907 10.000 Goldmark für den Bau des städtischen Krankenhauses (ebenso Fabrikant Felix Helft). 1908 ehrte ihn die Stadt mit der Ernennung zum Ehrenbürger. Ihm wurde der preußische Rote Adlerorden verliehen.1927 gab die Stadt ein Festessen, war er doch 50 Jahre zuvor Stadtverordneter geworden.

Als er 1935 starb, ordneten die Nazis an, dass er ohne Ehrung, ohne Dank, ohne Anzeige beerdigt wurde; die Teilnahme wurde untersagt. Nie wieder war von diesem Ehrenbürger die Rede. In den Listen der Ehrenbürger wurde er nicht erwähnt. Dabei blieb es auch in der DDR-Zeit. Auch H. J. Diedrich übergeht Rothenberg in seinen verdienstvollen Publikationen.

Die spärlichen Archivunterlagen besagen dennoch eindeutig: Samuel Rothenberg war ein bedeutender Bleicheröder.

Die Bedeutung der Weberei für die Region
Weberei und Textilhandel prägten die Wirtschaftsgeschichte der Region über Jahrhunderte. Hans Frühbergs Arbeit schildert die Entwicklung bis 1921 recht genau und zwar auch die soziale Seite. Seine Dissertation hat lokalgeschichtliche Bedeutung. Doch sie war wegen der wenigen mit Schreibmaschine geschriebenen und dann kopierten Exemplare verschollen.

Nach vielen Misserfolgen verlief eine Anfrage in Gießen schließlich positiv. Nicht nur das: Es wurde auch der Link zum digitalen Archiv mitgeteilt. Die Kooperation mit dem Kreisarchiv Nordhausen ergab, dass nun ein Ausdruck der originalen Dissertation in der Kanzleivitrine zu sehen ist. H. J. Diedrich hat 1955 über die Weberei- und Textilgeschichte des Kreises geschrieben, offensichtlich ohne Kenntnis der Dissertation von Frühberg.

Ein Auftrag für die Zukunft
Mehr als 70 Jahre später wäre es an der Zeit, die spätere und schließlich zum Ende dieses regionalen Wirtschaftszweiges führende Entwicklung aufzuarbeiten und für die Nachwelt festzuhalten.
Dirk Schmidt