Heilige, Königin, Witwe

Mathilde, grande figure dynastique

Dem immerwährenden Kalender der katholischen Heiligen nach war am vergangenen Samstag der Tag der Mathilde. Nordhausen ist die Heilige natürlich auch als Königin, Witwe und Stadt- und Domgründerin bekannt. Heidelore Kneffel hat dem Leben und Wirken "unserer" Mathilde nachgespürt...

In der Buchreihe „Die Andere Bibliothek“, herausgegeben von dem bekannten Autor Hans Magnus Enzensberger, erschien 1993 ein immerwährender Heiligenkalender mit einem Register aller Schutzpatrone. Der Autor A. Ch. Sellner erzählt aus der Fülle der Heiligenlegenden diejenigen nach, die er für bemerkenswert hält. Jeder Tag des Jahres hat eine oder einen Heiligen, für den 14. März steht die „Heilige Mathilde, Königin und Witwe.“

Eine göttliche Eingebung verriet Mathilde in ihrem Frauenstift in Nordhausen, wo sie sich seit dessen Gründung 961 oft aufhielt, Ende 967 das Nahen des Todes. Sie begab sich nach Quedlinburg und legte sich, angetan mit einem grauen, härenden Bußkleid auf das Sterbebett, starb am 14. März 968 mit 73 Jahren und wurde neben ihrem Mann, König Heinrich I., in der Krypta der Stiftskirche beigesetzt.

Hoher Chor des Domes „Zum Heiligen Kreuz“ in Nordhausen mit Stifterfiguren (Foto: Archiv M. Veit ) Hoher Chor des Domes „Zum Heiligen Kreuz“ in Nordhausen mit Stifterfiguren (Foto: Archiv M. Veit )


Im Jahr 1993 warb der Heimatverein in Herford bei 14. Orten für die Gründung eines historischen Touristenpfades von Herford über Nordhausen, Bad Gandersheim, Pöhlde, Wallhausen, über Tilleda, Memleben bis nach Quedlinburg, der im vereintem Deutschland nach der ersten Königin in unseren Landen „Mathildenpfad“ heißen sollte. Wir schlossen uns an, gründeten noch einen besonderen kleinen Pfad in Nordhausen, der vom Dom über den Finkenburgwall, die Wassertreppe mit der Finkenburg, die Pfaffengasse, den Königshofwall bis zum Königshof führte. Ich forschte nach Absprache über ihr Leben, der Text wurde mehrfach gedruckt, der „Mathildenverein“ und der „Verein für lebendiges Mittelalter“ gründeten sich, die Stadt- und Gästeführergilde führte so manche Gruppe über diesen idyllischen Pfad, die Liudolfinger/Ottonen wurden so bei uns bekannt. Da dann allerdings durch Verwahrlosung des besonders beeindruckende Finkenburgwall aufgegeben werden musste, verlor diese Stadt eine Stätte der Pflege dieser Historie.

Mathilde lebte und wirkte im frühen Mittelalter, wenige weibliche Persönlichkeiten dieser Zeit sind in Annalen, Chroniken, Heiligenlegenden erwähnt. Sie aber erhält gleich zwei Viten, also Lebensbeschreibungen. Die ältere Vita I kommt bereits 974 heraus, schon sechs Jahre nach ihrem Tod. Am wahrhaftigsten erscheint der Teil, der Mathildes Dasein in Nordhausen darstellt. Man geht deshalb davon aus, dass der Autor Augenzeuge gewesen sein könnte. Vielleicht hat auch die Äbtissin von Nordhausen, Richburga, Freundin und Vertraute der Königin, dabei geholfen. Auftraggeber der Vita I war der Enkel, Otto II., der Nordhausen bereits 962 das Münz-, Markt- und Zollrecht erteilt hatte. 972 hatte er in einer prunkvollen Urkunde seiner aus Byzanz stammenden Gemahlin Theophanu bei der Hochzeit u.a. auch alle Güter in Nordhausen geschenkt, die bis dahin Eigentum der Königin Mathilde gewesen waren.

Mit diesen Gütern aber hatte diese seit 961 auch das Nordhäuser Damenstift ausgestattet. Zentrales Thema der Lebensbeschreibung ist es also auch aufzuzeigen, mit welcher Hingabe die Königin die Vollendung dieser ihrer letzten Stiftung in Nordhausen betrieben hat. In der Heiligenlegende wird ja deutlich gesagt, dass es der Königsdynastie immer dann schlecht erging, wenn ein Herrscher die Bemühungen der Königin um den Erhalt und die Gründung von Klöstern und Stiften hintertrieb. Mit ihnen hatte sie zahlreichen Männern und Frauen ein sinnerfülltes Leben ermöglicht und das Ansehen der Dynastie gestärkt. Sie kümmerte sich neben den adligen Frauen und Männern und der Geistlichkeit auch um die unteren Schichten. Herrscherliches Denken und frommes Dienen schlossen sich für Mathilde nicht aus. Nach dem Tode ihres Mannes 936 erhielten Arme und Kranke regelmäßig Speisen und an jedem Samstag, dem Sterbetag des Königs, bekamen die Bedürftigen Bäder und auch Kleidung.

Die Vita II entstand nach 1002, wahrscheinlich auch in Nordhausen. Die Linie der Ottonen war mit Otto III. ausgestorben und Heinrich II. kam an die Macht, ein Nachfahre aus der Familie des Herzogs Heinrich I. von Bayern, des Lieblingssohnes von Mathilde. Eine wichtige Quelle über das Leben der Liudolfinger/Ottonen stammt vom Mönch Widukind von Corvey, um 925 oder 933/35 bis nach 973. Er war ein bedeutender sächsischer Geschichtsschreiber und schreibt die „Res gestae Saxonicae“, die „Sachsengeschichte“ 967/68, als Mathilde noch lebte. Er erwähnt diese Herrscherin oft und mit Ehrfurcht, er nennt sie „Die berühmte, edle an Weisheit einzigartige Königin... und eine „mirae sanctatis femina“, eine „Frau von wunderbarer Heiligkeit.“ Über ihrem Erstgeborenen Otto erfahren wir: „Durch seine vielen Siege berühmt und verherrlicht, erweckte er die Furcht ebenso wie die Gunst …, daher empfing er zahlreich Gesandtschaften von Römern, Griechen, Sarazenen und erhielt goldene und silberne Gefäße, auch eherne und kunstreich gearbeitete Gefäße von Glas, von Elfenbein … Teppiche, Balsame, Spezereien, Tiere, welche die Sachsen vorher nie gesehen hatten, Löwen, Kamele, Affen und Strauße.... “.

Weilte Mathilde in ihrer letzten Stiftung, so ist es überliefert, sang sie besonders des Nachts in ihrem Zimmer, das nahe der Kirche lag, göttliche Lieder von mannigfaltiger Art. Dann erwartete sie betend in der Kirche die Messfeier. Am Tag besuchte sie Kranke in der Nachbarschaft und reichte ihnen, was sie benötigten. Auch ihre Gastfreundschaft war bekannt. Wanderern, die sie im Tal erblickte, ließ sie das Notwendige bringen. „Dienern und Mägden im Haus lehrte sie verschiedene Künste und auch das Lesen und Schreiben.“

Karin Kisker, 2018, farbige Zeichnung der Königin Mathilde mit Nordhäuser Dom (Foto: Privatbesitz) Karin Kisker, 2018, farbige Zeichnung der Königin Mathilde mit Nordhäuser Dom (Foto: Privatbesitz)


Mathilde hat ihren Mann Heinrich um 32 Jahre überlebt. Er war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, besonders in seiner Königszeit besaß er ein hohes Maß an Beharrlichkeit. Wenn notwendig, handelte er energisch und zupackend, nutzte die Stärken der ihm unterstehenden Herzöge geschickt zur Stärkung des Königtums aus, ließ ihnen dabei trotzdem das Gefühl eigener Macht. Heinrich besaß großes diplomatisches Geschick. Zuletzt unterstanden ihm fünf Stammesherzogtümer. Zur Sicherung der Grenzen nach außen schuf er die berühmte „Burgenordnung“.

Mathilde, die, mit hohen Geistesgabe ausgestattet war, erlebte den Aufstieg ihres Mannes. Sie reifte an seiner Seite und nach seinem Tod zu einer Frau, der staatspolitisches Denken und Handeln wichtig wurden. Wie König Heinrich I. seine Frau sah, macht folgende Einschätzung deutlich: „... habe Dank, daß du unseren Zorn unermüdlich beschwichtigt, uns in allen Dingen nützlichen Rat gegeben, auch oft von der Ungerechtigkeit zur Gerechtigkeit gerufen und fleißig ermahnt hast, auch Barmherzigkeit walten zu lassen.“ Wer die bemalten steinernen Stifterfiguren sehen will, begegnet diesen Kunstwerken im “Dom zum Heiligen Kreuz“ in Nordhausen.
Heidelore Kneffel