Meine Meinung

Es wird bunter

Den Journalisten der neueren und älteren Zeit wird des Öfteren nachgesagt, sie würden sehr gern im menschlichen und gesellschaftlichen Ungemach suhlen. Klingt ein wenig verschwurbelt, dann einfach: Bad News are good News und das sind Fake News, auch Journalisten können sich freuen…

Zeitungen (Foto: Pexels auf Pixabay) Zeitungen (Foto: Pexels auf Pixabay)
Selbstverständlich sind das keine Fake News, denn tatsächlich werden Meldungen über Katastrophen, Unfälle und sonstiges Leid mehr gelesen und damit angeklickt, als zum Beispiel der Bericht über das neue Büro der „Thüringer Initiative für Integration, Nachhaltigkeit, Kooperation & Aktivierung“ in Nordhausen Ost.

Doch zurück zur Überschrift über diese Kolumne. Und damit zurück zu der Zeit, da sich für die Journalisten der ehemaligen DDR eine neue Welt auftat. Nicht das Kollege X. oder Kollegin Y. ihr Handwerk nicht verstanden. Aber endlich konnte der ideologische Mantel von Sozialismus, Kommunismus, von einer Partei, die immer Recht hatte und von dem vielen anderen hemmenden Kleinkram abgeworfen werden.

Es war doch einfach herrlich, mittendrin statt nur dabei zu sein in einer Medienlandschaft, die so wunderbar bunt war. Oder war es wunderlich bunt? Da gab es Verlegerpersönlichkeiten, von Springer ganz rechts über von Nannen in der Mitte bis zu Augstein im linken Printmillieu. Der Leser wusste, was er allmorgendlich oder einmal in der Woche in seinem Briefkasten fand.

Mit diesem Gefühl der beruflichen Freiheit, die allerdings in den diversen Anstellungsverträgen ihre freiheitlichen Banden fanden, torkeln und taumelten die Medien in das nächste Jahrtausend und damit in eine erste gesamtdeutsche Krise. Die Finanzkrise und deren Management durch die entsprechenden Bundesregierungen - immer angeführt durch eine Ostdeutsche. Wer - nicht nur beruflich bedingt - etwas genauer unter die Decke der politischen Mauscheleien blickte, der traute mitunter seinen Augen nicht. Angela Merkel, eine Kindin der DDR - hatte es spielerisch geschafft, so eine kleine Einheitspresse zu formen. Klein, fein und mächtig. Die Frau des Ostens, inspiriert durch ihre Regierungserfolge und das Tätscheln der Medien im Reigen des ÖRR, machte einfach weiter.

Sie machte Grenzen auf, machte Selfis. Lud nicht nur Kalkutta, sondern die halbe Welt nach Deutschland ein. Und der überwiegende Teil der medialen Welt, die sich später Mainstreammedien, danach “systemrelevante Medien” nannten, überboten sich im Beifallzollen. Endlich war das Bild des Deutschen poliert, war der Staub und der Dunst von diesem Land, das mitunter nur aus diesen unsäglichen zwölf Jahren zu existieren schien, weggefegt. “Mutti” hatte es geschafft.

Doch da bereits, unter dieser polierten Oberfläche, da grummelte es. Es regte sich Unwohlsein, Kritik an all dem, abseits des erstarkenden medialen Opportunismus. Und wer da dachte, dass damit die Spitze des Schleim absondernden Tun und Handelns in den Redaktionsstuben erreicht war, der irrte. Es gab ja erst noch Pediga, dann die AfD. Hier konnte das investigative Feindbild so richtig ausgelebt werden. Die Herangehensweise kannte man bei BILD, SPIEGEL, STERN oder ZEIT und all die anderen ja aus den 1990er Jahren aus der Jagd nach dem letzten IM in den Reihen der PDS im letzten Kaff von MeckPomm.

Daneben, das Internet machte es möglich, entstanden Online-Zeitungen. Die erste, die mir begegnete, war die “Achse des Guten”. Die Faszination für mich waren schon zum Teil die Themen, mehr aber noch die Liste der Autoren und Redakteure und ihrer beruflichen Lebensläufe. Deren bisherige Wirkungsstätten lasen sich wie das Who is Who des deutschen Verlagswesens: Focus: Peter Hemmelrath, Robert von Lowenstein, TV-Korrespondent in den USA. STERN: Wolfgang Röhl. Alexander Wendt - STERN und Tagesspiegel, Manfred Haferburg und dann der von mir überaus geschätzte Henryk M. Broder.

Sie waren damals die Pioniere des etwas anderen Journalismus. Was die Jungs damals schon einte, das waren ihre Lebensjahre, die sie wirtschaftlich unabhängig machten. Sie konnten sich was eigenes leisten. Gleiches lässt sich über TE - Tichys Einblicke berichten: Roland Tichy (Handelsblatt, Capital), Wolfgang Herles (40 Jahre BR und ZDF). Zu erwähnen ist hier der jüngste Paukenschlag und damit Schlag in Kontor der “systemrelevanten Medien”: NIUS. Julian Reichelt. Wer sieben Jahre an der Spitze von BILD und BILD.de steht und so ziemlich aus jedem Schützengraben in dieser Welt berichtete, der war gekommen um zu bleiben. In der Hinterhand ein Milliardär und an seiner Seite ein Typ wie Ralf Schuler sowie viele junge Nachwuchsjournalisten - das war die perfekte Mischung, die der Weggang von Dr. Alexander Kissler von der NZZ zu NIUS noch perfekter machte. Und die Reaktion der deutschen Medienwelt war erwartbar: Phase 1: Nicht berichten, nicht zitieren totschweigen. Phase 2: Wer ist schon NIUS? Krawallportal und ähnliches. Phase 3: Man kommt mehr und mehr nicht an Nius vorbei, vor allem die WELT springt auf die Themen an, die NIUS anfasst, dann tuts der Rest. Muss man mögen oder nicht - ist eben Boulevard. Aber NIUS und die APOLLO NEWS als Ableger und Kaderschmiede, räumen die angestaubte Medienlandschaft auf. Letztes Beispiel die ZDF-Leaks.

Und als ob das den Medienhäuser von Maddsack, Funke oder der SPD nicht schon genug Ärger bereitet, kommt auch noch die Familie Friedrich (Berliner Zeitung) mit der “Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung” (OAZ) den bisherigen Matadoren in die Quere, die sich den Osten mit Hilfe der Treuhand aufteilen. Diesmal gibt es keine Phasen 1 und 2, diesmal geht es gleich mit 3 los..

Ob sich der heimliche Wunsch von den Kollegen Lilienthal und Co. erfüllt, wird die Praxis zeigen. Der Leser entscheidet, denn die OAZ startet wochentags als Online-Ausgabe und am Wochenende mit einer 56 Seiten starken Druckausgabe. Abopreis 12 Euro im Monat. Eine unternehmerische Strategie übrigens, die unausweichlich auf die regionalen Heimatzeitungen zukommen wird und ein einigermaßen auskömmliches Überleben ermöglichen könnte.

Summa summarum: Es tut sich was im Medienwald dieses Landes. Das ist gut so, denn das Einerlei, das den Vorgaben der Regierenden (nur psychologisch besser verpackt) auch noch zu 90 Prozent entspricht, das könnte langsam aber sicher nicht nur uns Ostdeutschen zum Halse heraushängen. Vom Osten lernen heißt nunmal siegen lernen, auch auf dem Weg zu “unser aller Demokratie”.
Peter-Stefan Greiner