„Gastronomie gehört zu den ‚Rekord-Branchen der Tarifflucht‘“

„Schnitzel-Steuergeschenk“ knausern viel Wirte beim Lohn

Die rund 150 Gastrobetriebe im Unstrut-Hainich-Kreis profitieren – viele Köche und Kellnerinnen gehen leer aus: Hotels, Restaurants und Gaststätten müssen seit Jahresbeginn deutlich weniger Mehrwertsteuer bezahlen, nämlich nur noch 7 statt 19 Prozent...

Schnitzel mit Beilagen (Foto: NGG Alireza Khalili) Schnitzel mit Beilagen (Foto: NGG Alireza Khalili)


„Von jedem 10 Euro Schein, den der Gast im Restaurant lässt, bleiben dadurch rund 95 Cent zusätzlich für den Gastronomen übrig. Das Geld landet zwar in der Kasse – aber nicht in der Lohntüte der Beschäftigten“, sagt Jens Löbel von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG).



Auch der Gast merke von dem Steuergeschenk, das die Bundesregierung den Gastronomen gemacht habe, so gut wie nichts: „Wer mit dem großen Rutscheffekt der Preise auf den Speisekarten im Unstrut-Hainich-Kreis gerechnet hat, ist mehr als blauäugig“, so Jens Löbel. Der Geschäftsführer der NGG Thüringen wird deutlich: „Da hat die Bundesregierung die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn die allermeisten Gastronomen im Unstrut-Hainich-Kreis stecken das Geld, das durch das Schnitzel-Steuergeschenk für sie übrig bleibt, in die eigene Tasche“, sagt Löbel.

Und es sei eigentlich „alles noch viel schlimmer“: „Denn gleichzeitig bezahlen viele Gastronomen ihren Beschäftigten in der Küche und im Service nur den gesetzlichen Mindestlohn. Das ist schäbig. Und noch dreister wird es, wenn sich der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) auch noch darüber beklagt, dass Gastronomen 1 Euro und 8 Cent beim Stundenlohn draufzahlen müssen, obwohl der Verband selbst einen Tarifvertrag mit 15,40 Euro als niedrigsten Stundenlohn vereinbart“, sagt Jens Löbel.

Der Geschäftsführer der NGG Thüringen warnt vor „unschöner Gastronomen-Gier“: „Wer seine Beschäftigten in der Küche oder im Service mit dem Mindestlohn abspeist, bezahlt keinen anständigen Lohn. Entscheidend und wirklich fair ist nur der Tariflohn“, so Löbel. Der liege für eine ausgelernte Köchin oder eine souveräne Servicekraft ab Juli 2026 in ganz Thüringen bei immerhin 16,53 Euro pro Stunde.

Doch ein Großteil der gastronomischen Betriebe im Unstrut-Hainich-Kreis betreibe „systematisch Tarifflucht“: „Viele Gastwirte, Restaurantchefs und Hoteliers im Unstrut-Hainich-Kreis schlagen einen weiten Bogen um den Tariflohn. Und damit auch um Zuschläge an Feiertagen und um Urlaubsregelungen“, so Jens Löbel. Die Gastronomie gehöre zu den „Rekord-Branchen der Tarifflucht“.

„Viele der Gastro-Beschäftigten kommen so beim Lohn zu kurz“, kritisiert Löbel. Insgesamt arbeiten im Unstrut-Hainich-Kreis nach Angaben der NGG Thüringen rund 1.330 Beschäftigte in der Gastro-Branche – von der Köchin bis zum Barkeeper, vom Kellner bis zur Rezeptionistin. Die Gewerkschaft beruft sich dabei auf Zahlen der Arbeitsagentur.

Wer im Unstrut-Hainich-Kreis in der Gastronomie arbeitet, kann seinen Lohnzettel bei der NGG Thüringen prüfen lassen und dabei auch mehr über den aktuellen Tariflohn erfahren: (0361) 66 64 40 | region.thueringen@ngg.net.