Wie die IHK dem Fachkräftemangel in Nordthüringen begegnet

Zu wenig Nachwuchs, neue Wege

Zu wenig Nachwuchs, viele Renteneintritte und neue Wege bei der Ausbildung: Die IHK zieht beim Jahresgespräch in Nordhausen Bilanz und setzt auf internationale Fachkräfte und praxisnahe Projekte...

Ulrich Schlegel und Christian Böduel mit der Auszeichnungsplakette für das TIP-Projekt. (Foto: ssc) Ulrich Schlegel und Christian Böduel mit der Auszeichnungsplakette für das TIP-Projekt. (Foto: ssc)
Mehr als 600 Betriebsbesuche haben die vier Mitarbeiter der Industrie- und Handelskammer-Regionalgeschäftsstelle (IHK) Nordhausen im vergangenen Jahr absolviert. Das berichtete Regionalgeschäftsführer Christian Böduel beim Jahresgespräch in Nordhausen. Angesichts von rund 23.000 Mitgliedsunternehmen in den vier nordthüringischen Landkreisen sei diese Zahl gut, so Böduel.

Die meisten Mitgliedsbetriebe verzeichnet die IHK im Landkreis Eichsfeld mit 7.968 Unternehmen. Es folgen der Unstrut-Hainich-Kreis mit 6.422 Betrieben, der Landkreis Nordhausen mit 4.958 sowie der Kyffhäuserkreis mit 4.289 Unternehmen.

Neben hohen Arbeits- und Energiekosten sowie einer angespannten Auftragslage beschäftigt die Betriebe vor allem der Fachkräftemangel. Ursache sei vor allem der demografische Wandel, machte Ulrich Schlegel, Vizepräsident Großhandel der IHK, deutlich. „Im Schnitt gehen in Thüringen derzeit rund 30.000 Menschen pro Jahr in Rente, dem stehen etwa 15.000 Schulabgänger gegenüber, von denen nur rund ein Viertel für eine Berufsausbildung zur Verfügung steht“, so Schlegel. Diese Zahlen zeigten klar, dass die wirtschaftliche Zukunft Nordthüringens ohne ausländische Fachkräfte kaum zu sichern sei.

Azubis aus Mongolei, Kasachstan und Kirgisistan
Ein Ansatz ist ein gemeinsames Projekt mit dem Firmenausbildungsbund, über den junge Menschen aus der Mongolei, Kasachstan und Kirgisistan nach Nordthüringen geholt wurden. Rund 55 von ihnen absolvieren hier derzeit eine Ausbildung. Die Erfolgsquote sei mit 95 Prozent sehr hoch. Entscheidend seien neben guten schulischen Leistungen vor allem die sprachliche Vorbereitung in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut. Sprachkenntnisse seien das A und O, betonte Schlegel. Er selbst bilde seit Herbst letzten Jahres eine junge Frau aus der Mongolei in seinem Dämmstoffhandelsbetrieb kaufmännisch aus. „Die größten Kritiker hatte ich im eigenen Haus. Heute sind wir sehr zufrieden und ich würde diesen Schritt jederzeit wieder gehen“, sagte er. Die junge Mongolin sei ein Sprachtalent und spreche sehr gut Englisch und Russisch, was im Geschäftsbetrieb oftmals von Vorteil sei, so Schlegel.

Die IHK sucht nun weitere Ausbildungsbetriebe, die bereit sind, ausländische Auszubildende einzustellen. „Alle wichtigen Informationen gibt es bei uns“, erklärte Böduel. Zu den bisherigen teilnehmenden Unternehmen zählen unter anderem Schachtbau Nordhausen, Feuer Powertrain und die Volksbank. Interessierte Betriebe können sich direkt an die IHK-Regionalstelle in Nordhausen wenden.

Preis für "Tag in der Praxis"
Ein weiteres positives Signal kommt aus dem Ausbildungsbereich: Um Ausbildungsabbrüche zu verringern, wurde 2022 das Projekt „Tag in der Praxis“ (TIP) eingeführt. Ab der achten Klasse verbringen Schülerinnen und Schüler der Regelschulen dabei einmal wöchentlich Zeit in einem Praktikumsbetrieb. Das Projekt wurde jetzt nicht nur mit dem Deutschen Fachkräftepreis ausgezeichnet, sondern zeigt auch messbare Erfolge. Im vergangenen Jahr haben rund 1.300 junge Menschen eine betriebliche Ausbildung neu begonnen. Das sind 3,5 Prozent mehr Ausbildungsverträge als 2024 – und das in einer Phase mit starkem Beschäftigungsrückgang „Langfristig würden wir auch gern die beiden Gymnasien der Stadt dazu bringen, sich am TIP zu beteiligen“, so Böduel.

Viele Nordthüringer Vertreter bei den IHK-Wahlen
Auch bei den IHK-Wahlen ist Nordthüringen gut vertreten. Bei der im vergangenen Herbst durchgeführten Wahl zur IHK-Vollversammlung entfallen 24 der insgesamt 78 Sitze auf Vertreterinnen und Vertreter aus Nordthüringen. Das sei ein guter Schnitt und unterstreiche die Bedeutung der Region innerhalb des Erfurter Kammerbezirks, erklärte Böduel.
Susanne Schedwill