Wie der Landkreis auf den Stromausfall reagiert

Lehren aus Berlin-Blackout

Insbesondere im Winter ist ein Blackout dramatisch.  (Foto: ssc) Insbesondere im Winter ist ein Blackout dramatisch. (Foto: ssc)
Auch im Landkreis Nordhausen zieht man Konsequenzen aus dem tagelangen Stromausfall zu Jahresbeginn im Südosten Berlins. Aus Sicht der Kreisverwaltung hat das Ereignis eines ganz deutlich gemacht: die Verwundbarkeit der Pflegeinfrastruktur...

Der mehrtägige Blackout habe gezeigt, wie abhängig Pflegeeinrichtungen von einer stabilen Stromversorgung seien, sagte Landrat Matthias Jendricke (SPD) im Gespräch mit nnz-online. In mehreren Berliner Pflegeheimen habe sich die Lage bei anhaltend niedrigen Temperaturen dramatisch zugespitzt. Zwei Einrichtungen mussten schließlich evakuiert werden. Ohne Strom und Heizung kühlten die Gebäude rasch aus, Warmwasserversorgung und medizinische Technik fielen aus. Besonders problematisch sei dies für beatmungspflichtige und bettlägerige Bewohner.

Welche Pflegeheime sind vorbereitet?
Während Krankenhäuser in der Regel über eine autarke Stromversorgung verfügen, ist dies bei den meisten Pflegeheimen nicht der Fall. „Menschen, die beatmet werden oder bettlägerig sind, zu evakuieren, ist extrem schwierig“, so Jendricke. Eine Übersicht darüber, welche Pflegeeinrichtungen im Landkreis Nordhausen über eine eigene Notstromversorgung verfügen, existiert bislang nicht. Der Katastrophenschutz des Landkreises will deshalb alle Pflegeeinrichtungen anschreiben. Ziel sei es, eine belastbare Übersicht zu erhalten.


Welche Voraussetzungen es braucht
Zwar könnten über das Technische Hilfswerk im Ernstfall ausreichend Notstromaggregate für Pflegeeinrichtungen bereitgestellt werden, erklärte der Landrat. Doch dafür müssten die baulichen Voraussetzungen stimmen. „Es braucht einen externen Anschluss sowie die Möglichkeit, den Hausstrom vom öffentlichen Netz zu trennen.“ Fehle ein solcher Umschalter, würde der erzeugte Strom ins spannungslose, weil leere, Netz abfließen. Der Landkreis wolle deshalb erfassen, welche Einrichtungen schon jetzt technisch vorbereitet sind – und zugleich darauf hinwirken, dass entsprechende Voraussetzungen geschaffen werden.

Blackout-Szenario geprobt
Ein Blackout-Szenario hatte der Landkreis bereits Ende 2025 in einer Übung durchgespielt. Ausgangspunkt war ein großflächiger Stromausfall infolge eines Cyberangriffs. Im Fokus stand dabei vor allem die Frage der Kommunikation. Denn auch der Mobilfunk bricht nach kurzer Zeit zusammen, wenn Notstromakkus der Sendemasten erschöpft sind. Eine weitere zentrale Erkenntnis aus der Übung: Gemeinsam mit der Kreissparkasse wurde ein Notfallkonzept für eine unkomplizierte Bargeldauszahlung entwickelt. Dieses gilt allerdings nur für Sparkassenkunden – rund 60 Prozent der Bevölkerung im Südharz. Denn ohne Strom funktionieren auch keine Geldautomaten.

Kein 100-prozentiger Schutz
Gleichzeitig machen Jendricke und die Energieversorgung Nordhausen (EVN) deutlich, dass ein hundertprozentiger Schutz der Strominfrastruktur vor Anschlägen nicht möglich ist. Gleichwohl sei die Situation in Nordhausen anders als in Berlin, so die EVN-Sprecherin Katrin Bergmann. Der Berliner Stromausfall betraf eine Netzstruktur, die mit der Situation im Landkreis Nordhausen nicht vergleichbar ist. Hier betreibt die Nordhausen Netz GmbH als Tochter der Energieversorgung Nordhausen GmbH kein Hochspannungsnetz (110 kV), sondern ausschließlich Nieder- und Mittelspannungsnetze bis 20 kV. Aufbau und Komplexität unterscheiden sich damit grundlegend von den in Metropolregionen eingesetzten Anlagen.

Nieder- und Mittelspannungsnetze gelten im Störungsfall als deutlich schneller und mit geringerem Aufwand reparierbar als Hochspannungskabel. "Großflächige und langanhaltende Ausfälle, wie sie in Ballungsräumen auftreten können, sind unter den gegebenen Netzstrukturen in Nordhausen daher weniger wahrscheinlich", so Bergmann. Hinzu kommt, dass rund 98 Prozent der Niederspannungs- und etwa 97 Prozent der Mittelspannungsleitungen in der Erde verlegt sind und damit besser geschützt sind als oberirdische Anlagen.

Notfall- und Wiederanlaufkonzepte
„Unabhängig davon bleibt festzuhalten: Öffentliche Infrastrukturen lassen sich nie vollständig gegen äußere Einwirkungen absichern. Auch für den Landkreis Nordhausen kann es keine absolute Sicherheit geben. Vor diesem Hintergrund setzt die EVN-Gruppe auf kontinuierliche Schutzmaßnahmen sowie auf vorbereitete Notfall- und Wiederanlaufkonzepte, um die Versorgungssicherheit möglichst hoch zu halten“, teilte die EVN-Sprecherin mit.

Der Brandanschlag auf das Stromnetz im Berliner Südwesten hatte Anfang Januar in der Spitze rund 45.000 Haushalte betroffen - das sind so viele wie im gesamten Landkreis Nordhausen. Ausgelöst worden war die Störung durch einen mutmaßlich linksextremistischen Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in Berlin-Zehlendorf.
Susanne Schedwill